Understanding Fish

Als ich das Programm von Everything Under the Sun das erste mal überflogen habe, ist mir ein Punkt sofort ins Auge gefallen: „Understading Fish“. Meistens geht es ja nicht um die Fische, sondern um’s System. Ein Mechanismus, den man ja sehr gut kennt und der Gedanke, einmal die Seite der Fische einnehmen zu dürfen, fühlte sich irgendwie aufregend an, libertär…

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Everything Under the Sun ist ein Kurs, der über die letzten zwei Monate vom Berliner Agora Collective veranstaltet wurde. Die Mentoren und die Teilnehmer waren Künstler und Köche im weitesten Sinne und aus der ganzen Welt. Es ging um Klimaerwärmung, ein Thema, das ungefähr alles unter unserer Sonne betrifft.

An einem Dienstag treffen wir uns um 5 Uhr morgens mit Roderick Sloan im Agora. Es geht wohl auch ein bisschen darum, Roderick Sloan zu verstehen, er nämlich ist jeden Dienstag um diese Uhrzeit schön längst draußen auf See. „I hate Tuesdays.“, sagt er, aber er liebt sie auch, denn da tut er das, was sein Leben so besonders macht: Tauchen. Roderick Sloan taucht nach Muscheln und Seeigeln und beliefert damit unter anderem das weltberühmte Noma. Seine Ware ist heißbegehrt und tatsächlich unschätzbar wertvoll, denn sie ist handverlesen – Stück für Stück gepflückt wie frische Pfirsiche direkt vom Meeresgrund.

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3 Stunden und 7 Kaffees später, nach einer ausgiebigen und sehr undogmatischen Diskussion über die verschiedenen Arten des Fischens geht die Sonne draußen auf und es ist ein kleiner Funken von dem auf mich übergesprungen, was das Tauchen im Gegensatz zum Fischen bedeuten könnte. Es ist wunderbar, dass beim Tauchen weder der Meeresgrund zerstört noch der Fischbestand unnötig verkleinert wird durch unbeabsichtigtes Fangen von „unbrauchbaren“ Fischen. Aber das, was den enormen Unterschied für mich ausmacht, ist der Fakt, dass der Taucher bei den Fischen ist. Zwischen ihnen. Bei ihnen zu Hause. Wie der Jäger beim Reh. Wie der Bauer bei seinen Kühen. Der Taucher weiß, was bei den Fischen so abgeht, er sieht Veränderungen, genauso wie die Spuren, die er selbst hinterlässt. Der Bauer würde niemals alle seine Kühe auf einmal schlachten, denn dann hat er keine mehr. Der Taucher sammelt auf einem Riff nur die über sechsjährigen Seeigel und geht zu diesem Riff einige Jahre nicht mehr zurück.

IMG_6768(by T.P.)

Roderick geht rauchen und sieht dabei aus wie ein einsamer Ranger. Cool irgendwie, und ganz schön verloren. Ich wette er ist Fisch (pisces). Jeder weiß, dass man Fische nicht verstehen kann. Aber Fische verstehen ziemlich gut, das weiß man auch. Sicher ist, dass Roderick etwas gesehen hat, was wir alle nicht gesehen haben. „My work is like going to the moon everyday….“ Das muss so schön sein! Aber ich frage mich vor allem immer wieder, was es bedeutet, Fische zu verstehen. Und mir wird klar, was es bedeutet, Fische nicht zu verstehen. Wir haben uns ja im letzten Jahrhundert genügend Mühe gegeben, die Umwelt, in der wir leben, zu ignorieren, ihre Sprache, ihre Zeichen. Aber was ist mit der Umwelt, in der wir nicht leben, dem Wasser? …

Dann gehen wir ins Aquarium.  Es ist das Aquarium am Bahnhof Zoo, wo ich schon so oft war, ziemlich lange her allerdings. Es ging dort für mich immer um eine Art mitleidiges Verständnis oder Komplizenschaft, wenn ich mich mit der Nase an der Scheibe in das Becken hineinkontempliert habe. Aber Roderick dreht den Spieß wieder einmal um. Diesmal geht es nicht ums Fische verstehen, sondern ums Fische essen. Wir sollen uns bei dem Besuch überlegen, welche Fische wir zubereiten wollen bei unserem Nordic Dinner zwei Tage später. Ich laufe durch das Aquarium, als wäre ich nie da gewesen, mein Mund, voll von fremden Geschmäckern und den abgefahrensten Konsistenzen, wie vom Mond.

Das Dinner wurde übrigens ein voller Erfolg. Es hat fantastisch geschmeckt, aber das ist es nicht nur. Rodericks Praktikant William hat frischgetauchte Seeigel und Muscheln in einem Koffer nach Berlin geschmuggelt. Die Übergabe fand am Nachmittag am Flughafen statt. Draußen über dem Feuer wurden Makrelen gegrillt. Zwischendurch gab es Pilze aus dem Umland und dann Kabeljau im Salzmantel. Roderick: „The forest and the Ocean go together very well.“ Un die Gäste haben sich gefragt: Wo sind wir hier? Wir hatten sie für einen Abend in einer andere Welt entführt. (Sagt Bpics.)

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Am nächsten Tag schien die Sonne auf die goldenen Blätter von Berlin. Später kam Nebel auf. In diesen Nebel ist Roderick hineingelaufen und nicht mehr hinaus gekommen. Er hatte sich von niemandem verabschiedet.

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Aber Everything under the Sun war zum Glück noch nicht vorbei. Zwei Wochen sollten noch folgen, in denen wir Phänologie und Kultivator kennengelernt haben und in denen die Abende erst spät mit langen Gesprächen, Essen und Musik im Agora endeten. Zwei Wochen, in denen ich Dinge gesehen habe, die ich das erste mal gesehen habe. Wann habe ich davor das letzte mal Dinge das erste mal gesehen?

Phänologie ist die Lehre vom zeitlichen Ablauf von ‘Events’ in der Natur. Wann passiert was und warum? Letztendlich geht es um Zusammenhänge. Die Bauern von damals kannten diese Zusammenhänge, haben die Sprache der Natur noch verstanden. Dann haben wir sie vergessen. Aber jetzt gibt es die Phänologie, welche die alten Bauernweisheiten wissenschaftlich erklärt. Beispiel: Wenn die Kühe ihre Mäuler oben tragen, wird es regnen. Es liegt an dem niedrigen Luftdruck und an der hohen Luftfeuchtigkeit nahe der Erdoberfläche. Manches lässt sich jedoch immer noch nicht erklären: Wenn die Brennnesseln im Frühling Löcher in den Blättern haben, hagelt es im Sommer. Es stimmt tatsächlich, aber wir wissen nicht warum. Wir haben die Bauern nicht mehr ernst genommen und jetzt haben wir die Klimaerwärmung. Und jetzt brauchen wir ihr Wissen wieder, um mit der Klimaerwärmung umzugehen, oder zumindest, um sie beobachten zu können.

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Ein paar Tage später erzählen und Malin und Mathieu von Kultivator, dass es in Schweden in den letzten Jahren ein großes Kälbersterben gab. Bis man herausgefunden hat, dass das frische Gras im Frühling heutzutage früher wächst als noch vor einiger Zeit. Es wächst, bevor die Kälber geboren werden. Die können ohne die Vitamine aus den jungen Gräsern nicht überleben. Jetzt muss man eben im Herbst etwas früher vorarbeiten. Phänologie vom feinsten.

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Mit Kultivator arbeiten wir aber vor allem an einem Dinner für Flüchtlinge. Malin und Mathieu sind Künstler und Aktivisten. Aktivist zu sein bedeutet aktiv zu sein, das wurde mir selten so bewusst wie in diesen Tagen, und ich bin Malin und Mathieu unheimlich dankbar dafür, dass sie mir in den Arsch getreten haben. Wir reden hier in Berlin ja sehr viel über Flüchtlinge aber ich muss mir eingestehen, dass es sich anfühlt, als würde ich einen Popstar treffen, als ich ihnen dann tatsächlich gegenüber stehe. Faduma aus Somalien ist dafür, das Wort „Refugees“ zu verbannen und anstatt dessen lieber „Newcomers“ zu benutzen. Sie redet und lacht viel und ihre Stimme klingt warm, wenn sie „Newcomers“ sagt. „We don’t need money. We need love.“ Wenn sie das sagt, ist das nicht sentimental. Es ist absolute Dringlichkeit.

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Mit diesem zweiten Dinner, Table of Plenty, endet das erste Modul von Everything Under the Sun.  Für das zweite Modul hatte ich mich nicht angemeldet. Das war schade, was mir vor allem bewusst wurde, nachdem ich Tue Greenfort kennengelernt habe, den Kursleiter vom zweiten Modul.

Dennoch – bereits die erste Hälfte des Kurses war ein intensiver Monat mit einer extremen Horizonterweiterung und vielen Begegnungen. Danke Agora für diese Zeit, für all die neuen Menschen, für das Wissen und die Erfahrung und für all die Dinners, die auch inoffiziell nach langen Kurstagen in der Küche stattfanden. Caique Tizzi, der das Agora zusammen mit Taina Moreno gegründet hat, hat es mal so beschrieben: „We just wanted to create… the perfect place for a perfect community.“ Cheesy. Aber sie sind wirklich sehr nahe dran an dieser Utopie.

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