Was ist dir der Schnee wert?

Nimm dir fünf Minuten Zeit und stelle dir vor, du bist ein Eskimo. (Nach heutiger Forschung heißt Eskimo nicht Rohfleischfresser, wie noch häufig verbreitet. Zwar ist der Begriff immer noch eine Fremdbezeichnung, allerdings fehlt ein adäquater Oberbegriff, der sämtliche gemeinte Völker einschließt. Der Begriff Inuit beispielsweise benennt nur Indigene im Zentral- und Nordostkanada sowie Grönland.)

Bildschirmfoto 2016-01-21 um 08.37.51

Nehmen wir an, du lebst in einer kleinen Siedlung mit etwa 1.500 Einwohnern irgendwo in Nunavut. Du bist einer der insgesamt 25.000 Inuit, die im Norden Kanadas leben. Wenn du aus dem Fenster deines hölzernen, auf Stelzen gebauten Wohnhauses schaust, blickst du auf scheinbar endlos weiße Landschaft, auf Permafrost. Der Boden um dich herum ist ständig gefroren. Der Permafrost ist teilweise noch von der letzten Eiszeit und somit gut 10.000 Jahre alt, stellenweise bis zu 500 m tief. 10.000 Jahre, das ist eine verdammt lange Zeit. Deine Vorfahren kamen in Schüben, die allerersten von Asien über die Beringstraße, eine Meerenge, die damals noch die Landbrücke Beringia war. Sie sah mal ganz anders aus, saftig grün und von Mammuts und Rentieren besiedelt. Heute ist dort nur noch Wasser und sie ist die 82 km breite Stelle, wo sich Asien und Amerika am nächsten sind.

Der bis zu 10.000 Jahre alte Permafrostboden schmilzt schneller als je zuvor, im Jahr 2200 wird zwei Drittel davon nicht mehr existieren. Zurück bleiben Morast, eingestürzte Landschaften, ansteigender Meeresspiegel und das Aussterben vieler Tierarten. Die größere Gefahr birgt sich allerdings unter dem Boden in Form von eingefrorener Biomasse. Schmilzt der Permafrost weg, werden Unmengen an Kohlendioxid an die Atmosphäre abgegeben. Doch nicht nur das, auch Methan entflieht, dessen Treibhauspotenzial 25 mal so groß ist wie von CO2.

Bildschirmfoto 2016-01-21 um 08.38.07

Deine Großeltern sind vielleicht noch von Ort zu Ort gewandert, je nach dem, ob es genug zum Jagen und damit genug Nahrung für deinen Stamm gab. Du und deine Vorfahren habt euch das Land nicht untertan gemacht, sondern ihr habt euch dem Land angepasst. Heute ist es nicht mehr sicher, über gefrorenen Boden zu fahren, der jeden Moment unter dir einstürzen könnte. Du hast dir keine Gedanken über eine Paleo-Diät und Veganismus gemacht oder ob Omega-3-Fettsäuren nun gesund sind oder nicht. Ihr wolltet überleben und euer Körper hat sich den harschen Gegebenheiten untergeordnet. Mithilfe eurer Bräuche, Riten und eurem Glauben habt ihr eine Lebensweise und Lebensweisheit entwickelt, wie ihr in dieser scheinbar unmenschlichen Gegend überleben könnt, in die euch Bevölkerungswachstum und die notwendige Migration gezwungen hat. Doch eure Lebenseinstellung unterschied sich stark davon, was in den Industriestaaten gelebt wird. Wichtiger als der materielle Komfort war euch der Respekt gegenüber der gewaltigen Natur. Doch wer kommt gegen die Gewalt des Menschen an?

Bildschirmfoto 2016-01-21 um 08.38.30

Du bist zwar ein Inuit, aber du lebst nicht in einem Iglu. Seit den 1960ern ist das Nomadenleben für die Inuit vorbei. Neue Gesetze, das moderne Leben und die schwindenden Möglichkeiten zu Jagen machen die ursprüngliche Lebensweise unmöglich. Deine Familie ist in Nunavut längst sesshaft geworden, das erst 1999 nach langen Widerständen Kanadas als relativ autonomes Gebiet gegründet wurde, um Menschen wie dich zu schützen. Aber Nunavut ist alles andere als das Paradies der Inuit. Damals bestimmte die Subsistenzwirtschaft, vor allem die Jagd, euer Leben. Ihr habt erwirtschaftet, was ihr selbst braucht – nicht mehr, nicht weniger. Ihr hattet einen Lebensrhythmus im Einklang mit der Natur, der nicht immer so romantisch war, wie er klingt, aber funktionierte. Dein Vater wurde noch zum Jäger erzogen, Jäger sein war seine Identität. Doch was jagen, wenn es nichts mehr zu jagen gibt? Mit dem Einhergehen von Holzcontainern, dem Supermarkt mit importierten Lebensmitteln verliert sein Lebensstil mehr und mehr seinen Sinn. Das Jagen entfällt, dafür kam der Alkohol. Du kannst deinem Vater keine Schuld geben, denn wenn du dich in deiner Siedlung umschaust, ist Desillusion und soziale Verwahrlosung gängige Realität. Dein Vater hat seinen Lebenswandel nicht selbst bestimmt, er wurde einfach überrollt. Du siehst die Älteren deines Stammes und weißt, so sehr du sie schätzt, dass ihr Leben für dich keine Option ist. Aber was ist deine Alternative?

Bildschirmfoto 2016-01-21 um 08.38.58

Deine Jugend verbringst du größtenteils vor dem Fernseher oder im Internet, deine einzige Verbindung zum Rest der globalisierten Welt. Was ist der Schnee vor deiner Tür wert, wenn es keinen Grund mehr gibt, rauszugehen? Was ist der Schnee wert, wenn dir the american way of life vorgeführt wird, das du niemals leben wirst? Was ist der Schnee wert, wenn es in der dominierenden westlichen Welt nichts gibt, mit dem du dich identifizieren kannst? Nicht viel, denkst du. Und damit bist du nicht allein: Die Inuit haben einer der höchsten Selbstmordraten weltweit.

Du schaust wieder aus dem Fenster und weißt, bald wird es den Schnee sowieso nicht mehr geben. Dein Zuhause schmilzt weg. Und mit ihm deine Lebensart, deine Kultur, dein Wissen, deine Gesellschaft.

Bildschirmfoto 2016-01-21 um 08.39.17

Du schaltest den Fernseher an, weil es nichts Besseres zu tun gibt. Du siehst eine Sendung über Foodsharing mit ökobewussten New Yorkern und fragst dich: Warum werden wir nicht gefragt? Das Essen zu teilen, weil nach deinem Verständnis Essen und überhaupt alles Lebensnotwendige niemanden gehört, sondern allen Menschen, ist nicht nur eine soziale Geste, sondern Notwendigkeit. Das weißt du am besten.

Du schaltest ein Programm weiter und bleibst bei COP21 hängen. Die UN-Klimakonferenz in Paris weckt dein Interesse, aber nach ein paar Minuten merkst du: Kein Wort über Indios, kein Wort darüber, deine Lebensräume zu schützen und keine einzige verbindliche Klausel, um dein Leben zu retten. Der Schwerpunkt liegt wie immer auf den industrialisierten Staaten. COP21 ist eine Wirtschaftsverhandlung, über indigene Rechte wird kaum bis gar kein Bezug genommen. Die UN-Klimakonferenz lehnt ein Mitspracherecht indigener Völker bis heute ab. Als Mitglied eines Entwicklungslandes mit dem Streben nach mehr industrieller Produktion hättest du mehr Chancen.

Bildschirmfoto 2016-01-21 um 08.39.30

Der Klimawandel ist größtenteils menschengemacht. Gemacht durch einen Lebensstil, mit dem du nichts zutun hast, aber dich und dein Volk tötet. Den Klimawandel in den Griff zu kriegen, bedeutet nicht nur bessere Elektroautos zu fahren oder für Eisbären zu spenden. Den Klimawandel in den Griff zu kriegen, bedeutet Wertewandel weg vom konsumorientierten Kapitalismus, den du nur aus dem Fernsehen kennst. Eine der raren Stimmen deines Volkes ist Sheila Watt-Coutier, eine Inuit-Aktivistin, die 2015 den Right Livelihood Award, den Alternativen Nobelpreis erhielt. Du schaltest ein Programm weiter und siehst, dass sich die Welt jedoch viel mehr für Mark Zuckerbergs Spende interessiert. Frustriert schaltest du den Fernseher ab und suchst nach SheilaWatt-Coutier auf Youtube, deren Rede auf der COP21gerade mal 49 Klicks zählt.

Die Lebensart von dir und deiner Familie war lange Zeit perfekt mit der Natur im Einklang und wäre es immer noch, wenn ihr nicht daran gehindert würdet. Trotzdem seid ihr mit die Ersten, die dafür bezahlen, dass die Natur jetzt aus den Fugen gerät. Viel Zeit bleibt dir nicht mehr – denn deine fünf Minuten sind nun um.

BILDER von John Tyman: “Inuit: People of the Arctic“, Bill Hillman’s EduTech Research Project an der Brandon University, Canada, 2009.

© Pitt Rivers Museum at the University of Oxford. 

Kommentare

Lass einen Kommentar

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.