Hieronymus Boschs Endloses Feuer und die Entdeckung von LSD

Text: BARBARA JENNER

Antonius_der_GrosseHieronymus Bosch, Die Versuchung des Heiligen Antonius (Mitteltafel), ca. 1513, Museu Nacional de Arte Antigua, Lissabon.

Wäre nicht das T, das als erster Buchstabe von “Theos“ auf göttliche Nähe verweist, auf seiner Schulter zu sehen, und die zum Segen erhobene rechte Hand, Antonius würde fast untergehen in dem Getümmel bizarrer Gestalten und Kreaturen zwielichtiger Herkunft. Auf die Knie gestützt an eine Mauer gelehnt, exakt aus der Bildmitte lässt der gebeutelte heilige Antonius, seinen Blick müde aus dem Bild schweifen. Die Szene entstammt der Mitteltafel eines Altars, das heute den Titel “Die Versuchung des heiligen Antonius“ trägt und eines der wenigen erhaltenen Werke von Hieronymus Bosch ist. Ein flüchtiger Blick genügt, um die Mystifizierung des Oeuvres dieses Künstlers nachzuvollziehen, dessen komplexe Symbolik und Bildinhalte bis heute Rätsel aufgibt. Über kaum einen Künstler ist mehr spekuliert worden, als über den aus der niederländischen Provinz stammenden Bosch, der weder ein eindeutiges Werkverzeichnis noch ein einziges zu Lebzeiten entstandenes Porträt hinterließ. Seine Bildsprache folgt keiner rationalen Logik, in einem schier auswegslosem Kampf fordert er innere und äußere Phantasmen des ausgehenden Mittelalters zum letzten Tanz auf, beschwört satanische Erscheinungen herauf und bannt sie bis in alle Ewigkeit auf seine Bildflächen. Zwecklos zu schreiben, dass dieser Dichte kurioser Kreaturen mit Worten und Beschreibungen kaum gerecht werden kann. Boschs Sammelsurium unheimlicher Gestalten, deren weltliche Verbindung oft denkbar zweifelhaft ist, scheint längst die Pforte der real- erfahrbaren Wirklichkeit überschritten zu haben. Oder wie der italienische Kunsthistoriker Mario Praz treffend formuliert: „[…] dieses ganze Maskenvolk, in dem der mittelalterliche Mensch seine Innenwelt wie in einem Wachtraum materialisierte, malte Hieronymus Bosch mit einer halluzinierenden Eindringlichkeit, die keiner unserer heiteren Maler je zu erreichen vermochte“. [1] Unter dem Deckmantel der christlichen Narration konnte Bosch den teuflischen Dämonen und zwielichten Gestalten Präsenz verschaffen, ohne selbst den Verdacht der Ketzerei zu schüren.

hieronymus-bosch-die-versuchung-des-heiligen-antoniusHieronymus Bosch, Die Versuchung des Heiligen Antonius (Detail, linke Tafel), ca. 1513, Museu Nacional de Arte Antigua, Lissabon.

Zurück zu Antonius: Der abendländischen Ikonographie folgend trägt der fromme Heilige einen langen mönchskuttelhaften Umhang, sein Pilgerstab lehnt in etwa einer Armlänge entfernt. An einer kleinen goldenen Kette hängt von seinem Gürtel das Taukreuz, das bis heute Symbol des Antoniter-Orden ist. Der Legende nach wurde Antonius um 250 als Sohn wohlhabender Christen in Ägypten geboren. Nach dem Tod seiner Eltern verschenkte er sein Erbe an die Armen und zog in die Wüste, um dort ein asketisches Leben zu führen. Bald wurde er von den verschiedensten Dämonen und Teufeln heimgesucht, die keine Bemühung ungenutzt ließen, ihn von seinem tugendhaften enthaltsamen Lebensstil abzubringen. Bereits zu Lebzeiten kam er durch seine Standhaftigkeit zu Ruhm und wurde von Kranken und Schwachen, die sich Genesung erhofften, besucht. Nach der wundersamen Heilung eines an Mutterkornvergiftung Erkrankten in La-Motte-aux-Bois (später Saint Antoine genannt), dem Aufbewahrungsort seiner Gebeine, wurde Antonius zum Schutzpatron der an dieser Krankheit Leidenden. 

1770038b KopieHieronymus Bosch, Die Versuchung des Heiligen Antonius (Detail, Mitteltafel), ca. 1513, Museu Nacional de Arte Antigua, Lissabon.

Trotz seiner Rolle als Hauptdarsteller hat Bosch dem Heiligen lediglich eine minimale, verschwindend kleine Fläche Bild zugestanden, seine dennoch zentrale Position wirkt insofern fast mokierend. Wortwörtlich inmitten des Bösen ist er dennoch geistig abwesend. 

Direkt hinter ihm scheint das Übel bereits seinen Lauf genommen zu haben: ein Mohr kredenzt einen Teller mit einer Kröte, die ein Ei wie eine Hostie zelebrierend empor hält, ein anderer reicht einem herbeieilenden ganz in schwarz gekleideten Lautenspieler mit Schweinsrüssel und Eule auf dem Kopf einen Trunk, an der Leine ein Hund mit roter Gauklermütze. Ein blinder Krüppel mit Drehleier müht sich vergeblich dem teuflischen Schmaus noch beizuwohnen. Links neben Antonius lehnend, nähert sich Satan in der Gestalt einer schönen Hofdame, deren echsenhafter Umhang teuflische Wurzeln verrät. Symbole des lasterhaften und satanischen findet sich in fast jeder dieser eben so kurz beschriebenen Figuren wieder, so ist die Kröte beispielsweise Symbol für Verdorbenheit, die Eule verkörpert als Nachttier das Böse und der Hund mit der Gauklermütze ist eine weitere Verkleidung des Teufels.

hieronymus-bosch-antoniusaltar-triptychon-mitteltafel-versuchung-des-hl.-antonius-detailHieronymus Bosch, Die Versuchung des Heiligen Antonius (Detail, Mitteltafel), ca. 1513, Museu Nacional de Arte Antigua, Lissabon.

All dies wird von einem Herrn mit Zylinder und rotem Umhang beobachtet. Als alleinstehende Figur fällt er aus den sonst in Gruppen auftretenden Kreaturen besonders auf. Würden seine Füße nicht die Form von Krallen haben, könnte er einige Jahrhunderte später ohne weiteres als Voyeur in einem von Manets Gemälde durchgehen. Vor ihm auf dem Boden liegt auf einem weißen Tuch ein abgetrennter menschlicher Fuß, aus dem der Knochen herausragt. Dies ist, wie der Medizinhistoriker Veit Harold Bauer feststellt, ein direkter Verweis auf die Mutterkornvergiftung, die zu Zeiten Boschs epidemieartig zahlreiche Amputationen von Extremitäten und Menschenleben gefordert hat. Ursache der Erkrankung ist das Mutterkorn, ein parasitärer Pilz, der vorwiegend auf den Ähren des Roggens vorkommt. Durch eine unzureichende Reinigung des Getreides gelangten Rückstände ins Brot und verursachten die Mutterkornvergiftung. Diese Krankheit, auch Ergotismus genannt, trat basierend auf der spezifischen Zusammensetzung der Mutterkornalkaloide in zwei unterschiedlichen  Erscheinungsformen auf: Ergotismus gangraenosus, im Volksmund auch Antoniusfeuer, Heiliges Feuer oder Höllenfeuer genannt, wird bestimmt von extremen Gefäßverengungen, bis hin zum Gewebstod, bei denen schließlich die Glieder schwarz werden und abfallen. Die Bezeichnung Höllenfeuer geht auf die unfassbaren Schmerzen zurück, die die Patienten erleiden mußten. Bei der etwas selteneren Form des Ergotismus convulsivus, oder auch Kribbelkrankheit genannt, kam es zudem zu schweren Krampfanfällen, Tobsucht und Halluzinationen. 

MutterkornRoggenähre mit Mutterkorn. Kupferstich aus Carl Nicolaus Lang (Luzern 1717).

Bei dem abgetrennten Fuß auf dem Boden auf Boschs Mitteltafel handelt es sich also aller Wahrscheinlichkeit um einen im Verlauf eines Ergotismus gangraenosus abgefallenen oder amputierten Fuss. Die Figur wurde von Kunsthistorikern in unterschiedlicher Weise interpretiert und thematisiert, vom Zauberer, der mit seinem Stab den Hexensabbat dirigiere bis hin zum Teufel selbst. [2] Dementsprechend liest rechts gegenüber ein rattenköpfiges Wesen, dessen verfaulende Eingeweide durch einen Spalt seines Umhangs zum Vorschein treten, bereits satanische Verse aus einem schwarzen Buch. 

Im Hintergrund geht ein Gebäude in Flammen auf. Von fliegenden Dämonen entfacht, breitet sich das Feuer über die angrenzenden Häuser aus und lässt den Himmel rotgelb erleuchten. Der bereits abfallende Dachreiter mit dem Taukreuz weist darauf hin, dass es sich um ein Antoniterspital handelt, das als Zufluchtsort von an Mutterkornvergiftung Erkrankten aufgesucht wurde. Erst im 17. Jahrhundert konnte einer der Leibärzte König Ludwigs XIV einen Zusammenhang zwischen den Massenerkrankungen und dem Mutterkorn nachweisen. Jedoch verging ein weiteres Jahrhundert, bis dieses Wissen zu einer sorgfältigeren Reinigung des Getreides führte, wodurch die Seuche fast vollständig verschwand. Die letzte Epidemie brach 1927 unter Bauern in Südrussland aus. Heute beträgt der erlaubte Richtwert an Mutterkorn für das zum Verzehr bestimmte Getreide 0,05 Gewichtsprozent. Die Bezeichnung Mutterkorn geht auf das Mittelalter zurück, in der der Pilz aufgrund seiner muskelstimulierenden und gefäßverengenden Eigenschaften bei Schwangeren als Wehenmittel und zur Stillung von Blutungen eingesetzt wurde.

1935 begann der Schweizer Chemiker Albert Hofmann auf der Suche nach einem Kreislaufstimulans mit Mutterkorn zu experimentieren. 1943 gelang es ihm verschiedene Amid Derivate, darunter das Lysergsäurediethylamid zu synthetisieren. Ein Selbstversuch, der mit einer von heftigen Halluzinationen vernebelten Fahrradfahrt endete, führte zur Entdeckung von LSD, und schrieb als Bicycle Day in der LSD Kultur Geschichte.

bosch_antonius Hieronymus Bosch, Die Versuchung des Heiligen Antonius (Detail, rechte Tafel), ca. 1513, Museu Nacional de Arte Antigua, Lissabon.

[1] Praz, Mario: Die Gärten der Sinne. Ansichten des Manierismus und des Barock. Frankfurt am Main 1988, S. 13.

[2] Von dem Kunsthistoriker Charles de Tolnay wurde die Figur als Zauberer gedeutet. VGL. Bauer, Veit Harold: Das Antoniusfeuer in der Kunst und Medizin. Berlin Heidelberg, 1973, S. 81 und 85f.

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