Life To Go

Wann fing das eigentlich an? Wann hatten wir Menschen zuerst diese eigentümliche Eingebung, dass man Nahrung und Getränke im Laufen verzehren kann? War das noch in der Zeit , als wir Bandkeramik anfertigten und wir Metall schmelzen lernten? Nein. Es begann eigentlich mit den unsäglichen Coffeeshops. Anfänglich belächelten wir Autorinnen die Veränderung der literarischen Cafes in ungemütliche laute Barhocker Kaffeestationen, die selbst zum kurzen Verweilen zu unbequem waren.

Ähnlich wie bei der Erfindung des Automobils dachten wir, das setzt sich nie durch!

Als uns  der erste Pappbecher ausgehändigt wurde, fühlten wir uns wie in der Infektionsabteilung eines kirchlichen Krankenhauses. Kaffee oder Tee aus Pappbechern! Wir dachten an den Verlust an Aromen, was für ein Frevel für einen Geniesser! Aroma ist Landschaft, Ferne, fremde Länder und deren Sonne, deren Wasser, deren Blumen, eingefangen in dem spezifischen Geschmack eines jeden Kaffee oder Tee Anbaugebietes! Wie bei einem guten Wein schmecken wir im Aroma die Welt der Frucht, die sie umgibt. Die Seele des Tees, des Kaffees, ist sein Aroma!

Obendrauf ein Plastikdeckel mit Schnabelauslass, damit wir bei frühzeitiger Vergreisung auch noch im Sitzen nippen können! Einfach entwürdigend, nein, wir waren uns sicher, das macht niemand lange mit!

Das war in der Zeit, als das Wort Lebenskunst  bedeutungsvoll zur Sehnsucht nach Indien führte und die Idee des Müßiggangs als entscheidender Faktor für Erfüllung galt. Lifestyle ist etwas anderes als Lebenskunst, die Sehnsucht nach Indien nicht gleichbedeutend mit Yoga Retreat in Goa, Müßiggang ist nicht Netflix und Aroma des Kaffees ist nicht eine neue Robusta Züchtung, die man grad noch neben der Pappe schmeckt.

Wir alle wissen nun: Wir haben nicht Recht behalten. Weder mit dem Auto noch mit dem Leben im Vorbeigehen. Der Kaffee To Go breitete sich aus , wie sich so viele seltsame Dinge ausbreiten in Deutschland wie Pegida , wo man doch immer denkt: nein, das läuft sich tot, das ist doch dämlich.

Wenn ich früher im Literaturhaus Café im sonnengeküssten Garten sass und dort mein Buch schrieb, tummelten sich auf den alten Bäumen der Fasanenstrasse unzählige Spatzen, landeten auf meinem Tisch und hoppsten über die Tastatur.

43.000 Bäume müssen jedes Jahr geschlagen werden für deutsche To Go Trinker, um Pappbecher zu produzieren, die dann 15 Minuten in der Hand gehalten werden. 15 Minuten!

Wie  langsam verging doch die Zeit beim Sitzen und Nippen, Denken und Schreiben! 43.000 Bäume- das ist mir zuviel! Bäume, in denen Vögel nisteten, unter denen wir im Sommer Schatten suchten, unter denen wir uns liebten! Länger als 15 Minuten.

Um die Becher zu produzieren braucht man 1,5 Milliarden Liter Wasser. Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich finde in einer verlässlichen Quelle die Umrechnung in den Wasserbedarf von 32.000 Menschen in Deutschland pro Jahr. Für 15 Minuten.

Ich ging auf den Teufelsberg , oben , über dem Teufelssee, am Wochenende, man kann so schön weit über die Stadt sehen und schauen, ob irgendwo im Berliner Grau ein wenig Frühling auftaucht, ein Blatt, ein Grashalm, ob ein wenig hellgrün über den Grunewald gepudert liegt… Ich lief an Pappbechern vorbei den Berg hinauf. Saß neben Pappbechern im struppigen gelben Gras und  hinter aus Pappbechern trinkenden Menschen , die die Natur betrachteten, ihre Hunde kraulten und dann die Becher wegwarfen. Die nackten Büsche entblössten obszön weitere Becher. Es war ein schauderhafter Anblick. Natur ist manchmal schwer auszuhalten, wenn sie in der Stadt ums Überleben kämpft. Ich ging betrübt heim.

Auf den S Bahn Gleisen lagen Papppbecher, die sich wohl vor Verzweiflung über ihr nutzloses kurzes Dasein auf die Gleise geworfen hatten. In den Eimern war ja auch kein Platz mehr. Ein Stadtnomade grabbelte unter ihnen nach Pfandflaschen.

Stündich 320.000 Becher, in dieser Stunde, die ich hier schreibe, am Tag, wenn ich zu Bett gehe, ,7.5 Mio Becher in Deutschland…

Und die Leute laufen und laufen mit ihren Bechern herum wie Trophäen einer Jagd, einer Jagd nach Leistung , nach Leistungssteigerung, nach dem Kick, der wieder Frisch macht nach einer zu langen Nacht. Unser Gehirn freut sich, dass es uns manipuliert hat. Das Glücksgefühl durch das kleine High sollte schnell wiederholt werden. Also fährt es ca. 2 Stunden nach dem Genuss den Kreislauf wieder herunter und leitet einen kleinen Entzug ein. Unser Gehirn bewohnt uns und verleitet uns zu Dingen, von denen wir glauben, wir brauchten sie. Wir können seine Machenschaften nicht immer gleich durchschauen…oft denken wir sogar, wir hätten Einfluss auf seine Arbeit! Der Kaffee läßt in seiner Wirkung nach, Müdigkeit wird eingespielt. Gähnen, Kopfschmerzen. Erst etwas Schokolade. Hilft nicht. Etwas anderes Süßes. Blutzucker geht rauf und runter. Süßes macht dick. Kaffee , so  denken wir, nicht. Also wieder einen Becher Kaffee….und im Laufen trinken , um Zeit zu sparen.

Vor dem Yoga, nach dem Yoga, auf dem Weg zur Arbeit, auf dem Weg nach Haus, auf dem Weg ins Kino…im Auto, in der Bahn, beim Gehen, im Bus, im Kino und überall.

Aus therapeutischer Sicht ist hinzuzufügen: unsere Verdauung mag das Herumirren bei der Nahrungsaufnahme auch nicht. Unser Magen hat ja keine Augen! Er halt dieses Geschaukel und Gequetsche für ziemlich bedrohlich, er sieht ja nicht, dass wir gerade im Auto oder auf dem Fahrrad an den Bechern nuckeln. Er fühlt nur, dass sich alles bewegt und das beunruhigt ihn und er schüttet schon mal vorsorglich mehr Säure aus, man weiss ja nie! Der Darm findet sich unter Bewegung auch nicht zurecht, er arbeitet überhaupt erst richtig, wenn wir unseren restlichen Orgsnismus ausruhen lassen, auch mental. Dann bekommt er genug Blut und Aufmerksamkeit und schaut nach, was da alles im Laufe des Tages ankam. Und stutzt über soviel Luft und Säure.

Dort, wo es Kaffee im TOGO Becher gibt, gibt es noch soviel anderes, dass man im Gehen verschlingen kann: Fettiges, Süßes, Haltbares. Wraps und Käsekuchen, Waffeln, und Ciabattabrötchen, vegane Sushi Rollen und griechische frittierte Tomatenstangen. Tropffrei auch im Drive Now zu verzehren.

Nur keine Pause.

Nur kein Warten.

Nur nicht zur Ruhe kommen!

Essen unter Stress liegt ja auch viel länger im Magen, dann braucht man nicht soviel. Manches Nahrungsmittel zum Herumtragen ist sogar wie ein Brei so zerkleinert, dass es nur geschluckt werden muss und die klugen Blogs reißen nicht ab, in denen so etwas  als entgiftende Ernährung präsentiert wird. In der Chinesischen und Indischen Medizin, die wir als ERFAHRUNGSHEILKUNDE bezeichnen, heisst es jedoch: alle Nahrung , die nicht in einer Atmosphäre des Friedens und im Sitzen verzehrt wird, belastet das Verdauungssystem und bildet Gifte durch Unverdautes. Detox ist das also nicht, sondern die fehlende Ruhe und Besinnung fördert die Ausschüttung von Cortisol, dass auch noch dick macht und ist eine Belastung der Verdauung durch einen nicht angemessenen Ablauf von Nahrungsaufnahme, Säfteausschüttung und Peristaltik und Entleerung. Die Schlafqualität ist häufig die erste Alarmstufe einer Verdauung, die wir durch Herumlaufen träge gemacht haben! Erwachen gegen 4 Uhr am Morgen mit pelzigem Gefühl auf der Zunge, oder Einschlafstörugen durch Blähungen, Erwachen mit dem Gefühl eines Katers…das sind alles Zeichen einer schwachen Verdauung und eines unruhigen Lebens.

Zum Glück ist die Lösung einfach!

Kein Kaffee.

Essen im Sitzen.

Oder den Kaffee am Wochenende, mit Freunden im Park, aus der Thermoskanne, auf der Picknickdecke, beim Gespräch über die Rettung der Welt. Die können wir zwar nicht unbedingt verändern, aber zum Glück uns.

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