Die Möglichkeit auf Fressneid

Alleine essen, Food-to-go, Take-out, das alles macht eines nicht mehr möglich: Fressneid. Und den brauchen wir, um nett zueinander zu sein.

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Während sie sich die riesige Mortadellascheibe als Ganzes in den Mund stopfte, gierten ihre Augen unentwegt auf die letzte verbliebene Scheibe in der Tischmitte. Ich wusste, sie würde weinen, wenn ich sie mir nehme. Ich wusste aber auch – und sie nicht – dass ich noch mehr Mortadella im Kühlschrank hatte. Also nahm ich mir die vermeintlich letzte Scheibe, legte sie aufs Brot und genoss mein Wurstbrot unter plärrendem Gekreische einer Zweijährigen.

Wissenschaftler meinen, Neid sei eine Gabe, die man erst lernen muss. Das Gehirn muss sich dorthin entwickeln Neid zu empfinden. Demnach schien mir diese Zweijährige in ihrem Fressneid wirklich sehr begabt. Wir kommen also nicht neidisch zur Welt, wir werden irgendwann neidisch. Wahrscheinlich kannte der erste Mensch auf Erden noch nicht einmal Neid (wie beneidenswert). Dass Neid nämlich nicht biologisch in uns angelegt ist, sondern sich evolutionär entwickelte, hat man beim Experimentieren mit Schimpansen herausgefunden.

Die Schimpansen hatten die Wahl, an zwei verschiedenen Seilen zu ziehen. Mit einem Seil schoben sie Futter näher zu den anderen Schimpansen, mit dem anderen in einen leeren Raum. Der Ziehende ging dabei immer leer aus. Ein anderes Experiment funktioniert so, dass das Futter entweder zum Testschimpansen hingezogen wurde, sodass nur er Zugriff auf das Futter hatte oder so, dass das Futter mit anderen geteilt werden konnte. Das Ergebnis beider Experimente zeigte, dass die Schimpansen weder selbstlos noch missgünstig handelten. Sie zogen mal da, mal hier – es war jedoch nicht festzustellen, ob Schimpansen nun eher Egoisten oder Altruisten sind. Wissenschaftler schlossen daraus, dass der Mensch erst nach der Trennung vom Menschenaffen diese Eigenschaften kultivierte.

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Ja, aber wofür? Worin liegt der Nutzen im Neid, dieser Todsünde, auf fremde Teller gieren, anderen nichts gönnen? Der Mensch braucht seine Kontrollmechanismen, um menschlich zu sein. So erklärt der Soziologe Helmut Schoeck in seinem Standardwerk Der Neid und die Gesellschaft (1966), dass kein anderes Gefühl wie Neid es schafft, Konformität, Zusammenhalt und Gesellschaften hervorzubringen. Denn allein die Furcht von anderen beneidet und dafür angegriffen zu werden, ermöglichte paradoxerweise das gemeinsame Zusammenleben, in dem man die Möglichkeit auf Neid unterband. Man fing an zu teilen, sich um andere zu sorgen, damit keiner zu kurz kommt und keiner neidisch auf den anderen ist. Ein Egoist in einer Gruppe würde durch Neider schnell zum Außenseiter werden und womöglich auf sich selbst gestellt weniger Überlebenschancen haben. Deshalb ist es aus egoistischer Sicht manchmal schlauer, nicht egoistisch zu sein.
Der Fressneid, sich gegenseitig um das Essen zu beneiden, mag die Urform von Neid darstellen. Unter Tieren etwa drückt sich Fressneid im Konkurrenzverhalten aus. Ein Alphatier soll nicht wie ein Betatier essen und ein Omegatier darf nur heimlich neidisch sein, es sei denn, es will aufsteigen. Der österreichische Soziologe Gustav Ratzenhofer beschrieb 1899 den Brotneid als „Urkraft“ für soziale Motivationen.

In der Türkei ging ich mit einer Deutschen essen, deren einzige Bedingung an die Restaurantwahl ein eigener Teller war. Es stresste sie regelrecht, wenn der Tisch zwar voll mit Meze war, aber jeder von allem nehmen konnte. Sie hätte keine Lust darauf zu achten, nicht zu kurz zu kommen. Wo nichts zu teilen, da auch kein Neid. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt schon für diesen Artikel recherchiert, hätte ich ihr womöglich erzählt, dass sie diese Befürchtungen weniger empfinden würde, wenn sie öfter ihr Essen teilte. Ich hätte ihr vermutlich von Oxytocin erzählt.

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Oxytocin wird auch gerne als Kuschelhormon bezeichnet. Einige Forscher feiern es als richtiges Wundermittel, sahen darin den biochemischen Schlüssel für Liebe, Treue und Vertrauen. Oxytocin kann man sogar als Nasenspray kaufen, um sich den Partner treu zu halten oder Stress und Aggressionen zu dämpfen. Es ist ein vieluntersuchtes Hormon, genauer ein Neuropeptid, das unsere sozialen Interaktionen beeinflusst.

Unser Leben fängt schon früh mit Oxytocin an. Das im Gehirn freigesetzte Hormon steuert die Psychologie von Müttern und stärkt die emotionale Bindung zu ihren Babys. Nachgewiesen wurden auch hohe Anteile an Oxytocin nach dem Geschlechtsverkehr, wo es für Entspannung und emotionale Verbundenheit zum Partner sorgt. Bei Wühlmäusen hat man herausgefunden, dass Oxytocin regelrecht monogam machen kann. Berg- und Präriewühlmäuse unterscheiden sich nur bedingt, ganz stark aber in ihrem Liebesleben: Während die Bergwühlmäuse es mit jedem treiben und eher einsam leben, bevorzugen Präriewühlmäuse eine vertrauensvolle eheähnliche Konstellation. Verantwortlich für ihre Vorlieben sind die unterschiedlichen Verteilungen der Oxytocin-Rezeptoren im Gehirn. Durch genmanipulierte Veränderungen ließen sich so Bergwühlmäuse zu treuen Partnern, Präriewühlmäuse polygam machen.

Aber zurück zum Fressen. Oxytocin spielt auch bei der Nahrungsaufnahme eine wesentliche Rolle. So wird bei werdenden Müttern durch Hormondrüsen Oxytocin ins Blut geschüttet und damit Wehen ausgelöst, als auch später der Milcheinschuss. Auch eine Kuh muss erst genügend Oxytocin freisetzen, eher sie gemolken werden kann. Und nun haben Wissenschaftler kürzlich bei Affen herausgefunden, dass sie ganz schön viel Oxytocin ausschütten, wenn sie ihr Essen teilen – sogar mehr als beim liebevollen Lausen.

Wenn wir unser Essen teilen, egal ob mütterlich stillend oder freundschaftlich einladend, wird Oxytocin freigesetzt, das für all die wunderbaren Eigenschaften wie Empathie und Vertrauen verantwortlich ist. Haben wir mehr Vertrauen, empfinden wir weniger Fressneid, teilen wir eher. Kultivieren wir unseren Oxytocin-Haushalt und lassen andere mitessen, empfinden wir mehr Mitgefühl und weniger Missgunst – die Basis für jegliches Zusammenleben.

Ein vorbildliches Beispiel sind die Gemeinen Vampire, eine Vampirfledermausart,
die es wirklich verstanden hat, dass Teilen lebenswichtig ist. Diese hochsozialisierten Wesen, die sich ausschließlich von Blut ernähren, würgen ihre Blutnahrung wieder hoch, um ihr Essen mit ihren Artgenossen zu teilen. Die jährliche Todesrate läge bei über 80%, würden die Fledermäuse ihr Essen nicht teilen; so liegt sie bei etwa 24%.

Zwar leben wir in einer Zeit, in der wir unsere Couch, Autos und Wohnungen teilen, aber auch in einer, in der wir alleine essen, zwischendurch und auf dem Weg, in trauter Einsamkeit vor dem Fernseher, vor dem Laptop, stehend in der Küche. Alleine essen bedeutet, kein Fressneid zu erzeugen oder empfinden zu müssen. Denn mit dem Neid verhält es sich wie mit der Liebe: Man braucht dafür mindestens zwei.

Wo aber erst gar kein Fressneid aufkommen kann, weil wir sowieso alle alleine essen, kann wiederum nichts geteilt werden. Ergo: kein Oxytocin, keine Empathie, kein Sozialisieren, kein Miteinander (Wem das nicht triftig genug ist, kann es sonst mal mit Keith Ferrazzi’s Never Eat Alone And Other Secrets To Success, One Relationship At A Timeprobieren). Die Möglichkeit auf Neid muss also bestehen, damit er überwunden werden kann.

Zum Schluss noch ein kleiner Hinweis zu dem wunderbaren Wort Kumpane: Es kommt vom Lateinischen com, was „mit“ bedeutet, und panis, das Brot. Also, Freunde: Esst gemeinsam und teilt euer Wurstbrot!

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