Kambodschas verlorenes Gold wächst auf Pfefferplantagen

Der Deutsche würzt mit Pfeffer und Salz. Das klingt erstmal ganz schön fad. Es sei denn, es geht um den vielleicht besten Pfeffer der Welt: den Kampot Pfeffer aus Kambodscha.

Pfeffer war einmal alles andere als gewöhnlich. Er war so begehrenswert und besonders, dass er sogar einen gewissen Christoph Kolumbus dazu veranlasste, einen neuen Handelsweg nach Indien zu suchen, dahin „wo der Pfeffer wächst“. Was dabei herauskam, ist bekannt: Er landete stattdessen in Amerika, nannte die Bevölkerung Indianer und den Chili Pfeffer, was noch heute zu gewissen Verwirrungen führt (siehe Cayennepfeffer): Nein, Chili und Pfeffer sind zwei unterschiedliche Pflanzen.

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Der Pfeffer hatte es schon nicht leicht. Erst recht nicht in Kambodscha. Dabei fing alles so glorreich an.

Von dem Chinesen Zhou Daguan, der im 13. Jahrhundert vom chinesischen Kaiser nach Angkor in Kambodscha geschickt wurde, wissen wir, dass schon zu jenen Zeiten Pfeffer angebaut wurde. Sein Buch, das ihn unsterblich machte, heißt Zhenla fengtu ji, ein „Bericht über die Sitten und Gebräuche der Menschen und die geographischen Merkmale Kambodschas“. Darin heißt es: Pfeffer wurde gelegentlich gefunden. Er wächst gewunden um Bambusstangen herum und hält sich wie eine Hopfenzweig. Pfeffer, der frisch und blau-grün ist, hat den besten Geschmack.

Die Region Angkor, damaliges Zentrum des historischen Khmer Königreichs, war die erste stark von Indien geprägte Gegend in Südostasien. Kein Wunder, dass auch der ursprünglich in Indien beheimatete Pfeffer seinen Weg nach Kambodscha fand.

Zhou Daguan war genau zur richtigen Zeit in Angkor. Das Khmer Königreich war in voller Blüte. Die Bewohner waren in wirtschaftlicher, kultureller und architektonischer Hinsicht wahre Pioniere. Man errichtete wahnsinnige Tempelkomplexe wie Touristenmagnet Angkor Wat und hatte mit der Hauptstadt Angkor und eine Millionen Einwohner die größte Stadt der Welt. Ja, der Welt.

50 Jahre später und Zhou Daguan hätte zusehen müssen, wie das Reich erobert wurde und zugrunde ging.

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Es folgten Jahrhunderte an Besatzungen, Völkerkriegen und Kriegen gegen die Thais und Vietnamesen. Ende des 19. Jahrhunderts mischten sich auch die Franzosen ein –Kambodscha wurde französische Kolonie.

Frankreich investierte viel in Kambodscha: in Eisenbahnen, Stadtentwicklung und ja, auch in den Pfeffer. Der wurde mittlerweile in die südliche Region Kampot verlagert, als der indonesische Sultan von Aceh alle Pfefferplantagen verbrannte, damit holländische Invasoren sich daran nicht bereichern konnten.

Die Franzosen entdeckten Südostasien für sich und damit auch den kambodschanischen Pfeffer. Die französische Haute Cuisine war so entzückt von dem besonderen Aroma des Pfeffers, dass die Franzosen mehr als die Hälfte der Gesamternte nach Frankreich importierten. Der Handel mit Poivre de Kampot boomte.

Dann kamen die Roten Khmer. Die dreieinhalb Jahre andauernde Diktatur hinterließfast drei Millionen Tote und die Auslöschung jeglicher kambodschanischen Kultur: Bücher wurden verbrannt, Schulen geschlossen, Tempel zerstört, Massen an Menschen ermordet, sämtliche Wirtschaftszweige außer die Landwirtschaft unterbunden. Die maoistisch-nationalistische Guerillabewegung kam 1975 unter Pol Pot an die Macht und wollte das Land mit aller Gewalt in den Agrarkommunismus führen, aus dem Boden gestampft und ihre bisherige Geschichte vergessend. Die Zeit der Roten Khmer war ein Schwarzes Loch in der Geschichte Kambodschas.

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Zynischerweise studierte der Kambodschaner Pol Pot ausgerechnet in Paris und machte dort wichtige Bekanntschaften, die den ideologischen Kommunisten in ihm nährten und zu einem Monster werden ließen. Und noch zynischer erscheint die Tatsache, dass das Regime noch lange vom Westen unterstützt wurde, der zu blind war die Wahrheit zu sehen.

Pol Pot und die Roten Khmer waren paranoid und unbarmherzig. Fast jede kambodschanische Familie kann von einem Opfer aus seiner Familie erzählen. In der Landwirtschaft musste alles dem Reis- und Gemüseanbau weichen. Ein autarker Bauernstaat sollte aus Kambodscha werden –und der elitäre Gourmetpfeffer verschwand und geriet in Vergessenheit. Eine jahrhundertealte Tradition ging –wie so vieles in Kambodscha –einfach so verloren.

Seit den 90ern wird Kampot Pfeffer langsam wieder angebaut. Von einem Boom wie zu französischen Kolonialzeiten kann man zwar nicht reden; die Kampot Region galt noch lange als unsicher, weil sich Roter Khmer Guerillas im Dschungel versteckten. Doch wie damals wird der Großteil ins Ausland exportiert, hauptsächlich in die EU, die USA und nach Japan.

Die Region Kampot (nicht zu verwechseln mit der Stadt Kampot) lädt wirklich dazu ein, sie mit dem Moped zu entdecken. Man ist ganz nah an der Küste und fast in Vietnam, sieht zahlreiche Reis- und Salzfelder, dazwischen Wasserbüffel und Tropfsteinhöhlen. Und mittendrin findet man die kleine Pfefferfarm von Sothy.

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Unter dem Schutz von getrockneten Bambusblättern ranken sich auf Sothy’s Pepper Farm in Reih und Glied die Pfefferpflanzen an Holzpfählen hoch. Pfeffer braucht es
schattig, in der Wildnis wächst er unter dem Schutz anderer Pflanzen ebenerdig im Dschungel.

Als Sothy und ihr Mann die Farm vor drei Jahren kauften, waren es etwa 300 Pfefferpflanzen; heute sind es rund 850 und sie verkaufen ihren Mrech Kampot, wie er auf Khmer heißt, nach Australien, Europa und vor allem nach Frankreich. Sothys Farm ist wie alle registrierten Pfefferfarmen in Kampot eine biologische. Gegen Schädlinge werden Niemblätter und Zitronengras verwendet, gedüngt wird mit Kuhmist und Fledermauskot. Fledermauskot? Ja, der wird von den Dorfbewohnern in den umliegenden Höhlen gesammelt und als Dünger verkauft.

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Eine Pfefferpflanze braucht drei Jahre bis sie Früchte trägt. Dann währt sie bis zu 20
Jahre und bestäubt sich selbst. Einmal im Jahr von März bis Mai wird geerntet. Da an einer Pfefferrebe die Pfefferkörner unterschiedlich reif sein können, wird alles per Hand geerntet.

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Im unreifen Zustand sind die Pfefferkörner grün. Meeresfrüchte, gebraten mit ganzen, grünen Pfefferkörnern, die leicht säuerlich-scharf schmecken, sind ein typisches Gericht für diese Region. Wenn grüne Pfefferkörner unter der Sonne getrocknet werden, werden sie schwarz und schrumplig –so wie wir schwarzen Pfeffer kennen. Lässt man grünen Pfeffer etwas länger reifen, wird er wie eine Tomate rot. Geschmacklich ist er sehr voll, weniger scharf, dafür fruchtig. Schält man den reifen roten Pfeffer, erhält man weißen Pfeffer. Grüner, schwarzer, roter und weißer Pfeffer sind also nicht unterschiedliche Sorten, sondern verschiedene Reifestadien.

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Und was macht den Kampot Pfeffer so besonders, dass man das Dreifache für ihn bezahlt? Kampot hat wie die Regenwälder Indiens, wo der Pfeffer ursprünglich herkommt, ein tropisches, feuchtes Klima. Der Boden in Kampot aber ist äußerst lehmig, mineralreich und quartzhaltig, außerdem weht durch die Nähe zum Meer eine salzige Brise. Diese Faktoren machen den Geschmack des Kampot Pfeffers so besonders: Er ist äußerst pfeffrig mit einer fast blumigen Note.

Kampot Pfeffer ist wie eh und je ein exklusives und teures Gewürz. Das haben die Vietnamesen gerochen, die den Markt mit gefälschtem Pfeffer überfluten. Umso glücklicher, dass die EU dem Kampot Pfeffer in die Liga des Champagners oder des Gruyères weihten, in dem sie ihn seit März diesen Jahres mit dem PGI (protected geographical indication) Label schützen. Nur wo Pfeffer aus Kampot drin ist, darf auch Kampot Pfeffer draufstehen. Es ist das erste Produkt Kambodschas, das dieses Label erhielt.

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80% der Bevölkerung Kambodschas lebt von der Landwirtschaft, das Durchschnittseinkommen liegt bei 1000 USD im Jahr. Kambodscha gehört zu den Last Developed Countries. Es kämpft mit Korruption und Vetternwirtschaft in der Regierung und wird nach und nach von chinesischen Investoren ausgebeutet. Und erst 2005 begann man durch ein internationales Tribunal mit der Verurteilung der Roten Khmer für die Schandtaten an ihre eigene Bevölkerung. Viel zu spät, denn einige führende Roten Khmer Köpfe sind schon längst verstorben.

Kambodscha ist ein Land, das sich ganz langsam von seiner traurigen Geschichte erholt und wie die zarte Pfefferpflanze gehegt und gepflegt werden muss, bis es Früchte trägt: kleine Pfefferkörner, die auf dem Boden gedeihen, wo einst die Roten Khmer operierten, und heute in den feinsten Küchen der Welt landen, um an eine Zeit zu erinnern, als Kambodscha ein blühendes Land war.

Bilder: Dieu-Thanh Hoang

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