Essen für die Götter

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Die Festtage nahen und für die meisten, die Weihnachten feiern, bedeutet das vor allem eines: ganz schön viel Essen. In der Bibel steht nichts von Kartoffelsalat mit Würstchen oder Raclette; das Christentum schreibt nicht vor, was es zu Jesus Geburtstagssause gibt. Dennoch spielt Essen in der Bibel eine wichtige Rolle. Allein dem Brot werden im Alten Testament zig Stellen gewidmet, von den verschiedenen Brotsorten und -größen bis hin zu einem Gleichnis des Sauerteigs: „Das Himmelreich gleicht einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter einen halben Zentner Mehl mengte, bis er ganz durchsäuert war.“ (Mt 13,33)

So gut wie alle Religionen haben einen Bezug zum Essen, oftmals verbunden mit Ritualen. Sie enthalten bestimmte Dos und Don’ts (Schweinefleischverbot im Islam), sie laden Essen symbolisch auf (das Brot als Leib Christi), vor allem aber ist Essen im religiösen Kontext eine wichtige Verbindung, um mit dem Übermenschlichen in Kontakt zu treten: durch essbare Opfergaben.

Wir opfern den Göttern in allen Ecken der Welt seit Menschengedenken. Schon im Gilgamesch-Epos aus Babylon um rund 2000 v. Chr. wird darüber berichtet, wie die Menschen den Pestgott Namtar mit Opfergaben überschütteten, damit er sie in Ruhe ließ. Durch Präsente schmeicheln wir Göttern und können sie so zu unseren Gunsten beeinflussen – und wer widersteht schon gutem Essen?

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Jeder Gott hat so seine Lieblingsspeise. Der hinduistische Gott Ganesha (mit dem Elefantenkopf) liebt Kokosnuss, der islamische Mohammed steht auf Datteln und es gibt indigene Anden-Götter, die gerne Cocablätter kauen. Und je nach Bedarf opfern  Menschen in polytheistischen Religionen dem dafür zuständigen Gott.

In vietnamesischen Geschäften findet man häufig auf dem Boden einen kleinen roten Schrein mit Räucherstäbchen und einer Obstschale davor. Nichtkenner verwechseln die Figur eines dicken, sitzenden Mannes mit langen Ohrläppchen häufig mit Buddha. Doch das ist Ong Dia, der Gott der Erde – deshalb sitzt er auf dem Boden. Für florierendes Business opfern Vietnamesen ihm Obst, damit er dafür sorgt, dass die Kassen weiter klingeln. Denn der Gott der Erde steht für Wohlstand: Waren die Böden damals fruchtbar, gab es eine satte Ernte.

Einen landwirtschaftlichen Ursprung hatte auch das indische neuntägige Festival Navaratri im Herbst. Es ist vor allem für Frauen ein wichtiges Fest, da es sich den ihnen zugewiesenen Künsten wie der Dekoration, der Musik und des Tanzes widmet. In ihrem Haushalt bauen sie ein Mini-Museum mit vielen kleinen Tonfiguren auf, die mythologische Geschichten nacherzählen. Die Tonfiguren entstammen der Tradition, durch Opfergaben der Verschlammung an einem Flussbett entgegenzuwirken. Dabei opfern sie den Göttern allerlei Selbstgebackenes. Dann besuchen die Frauen sich gegenseitig, um ihre Tonfiguren zu bewundern, während die Kinder Süßigkeiten geschenkt bekommen. Für sie ist es die nettere Variante des amerikanischen „Süßes oder Saures“ an Halloween, nur eben ohne Saures.

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Essen wird in Religionen deshalb soviel beigemessen, weil es unmittelbar mit dem Überleben der Menschheit zutun hat. Als Grundbedürfnis betraf es alle, durch jede Schicht oder Kaste hindurch. Als man noch abhängig von Jahreszeiten und Wetterlagen war, man viele Faktoren des landwirtschaftlichen Anbaus technisch nicht beeinflussen konnte, war Opfern und Beten schlicht die einzige Optimierungsoption.

Das womöglich bekannteste Opferfest ist Eid al-Adha. Die Muslimen schlachten an diesem Tag ein Tier und teilen es mit den Armen. Beim höchsten islamischen Fest wird Ibrahim gedacht, der bereit war seinen Sohn Ismael für Allah zu opfern. Die gleiche Geschichte findet sich in der christlichen Bibel unter der Erzählung von der Opferung Isaaks, dem Sohn Abrahams. Allah sah Ibrahims Entschlossenheit und stoppte ihn dabei seinen Sohn zu töten. Aus Dankbarkeit opferte Ibrahim einen Widder – das Opferfest war geboren.

Einen Menschen zu opfern ist die höchste Form der Opfergabe. In sämtlichen antiken Kulturen auf der Welt fanden Menschenopferung statt, nicht zuletzt auch, um sie in der Not aufzuessen. In China fanden Archäologen Knochen, die auf einen Ritus hinwiesen, dass junge Menschen Göttern und Ahnen geopfert wurden. Die Azteken opferten Menschen im großen Stil dem Gott Huitzilopochtli, dem Kriegs- und Sonnengott, damit die Sonne weiterhin aufgeht und die Welt nicht unter.

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Durch Essensgaben wird jedoch nicht nur Göttern geopfert, sondern auch den Toten. Das bekannteste Beispiel ist wohl der mexikanische Tag der Toten, Día de Muertos, am 1. November. Man huldigt den Verstorbenen mit allerlei Essbarem an den Altaren, allen voran Totenköpfe aus Zucker, Schokolade oder Marzipan. Es gibt sogar ein „Totenbrot“, das Pan de Muerto.

Auch die taoistische Tradition kennt das Totengedenken. Bilder von verstorbenen Familienmitgliedern werden im Hausschrein aufgestellt, dazu Obst und Kuchen, damit sie im Totenreich genug zu essen haben. Ja, denn auch Tote sind manchmal hungrig.

Doch wie essen Götter und Tote? Im Hinduismus g ibt es einen göttlichen Boten namens Agni (Sanskrit für Feuer). Der übermittelt durch Rauch, der nach oben steigt, die Opfergabe zu den Göttern. Das Feuer ist – wie in vielen anderen Religionen – ein wichtiger Überbringer des Opfers, sei es durch den Grillgeruch eines Tieres oder die vielen Räucherstäbchen. Das Essen selbst wird je nach Ritus selbst gegessen, den Mönchen überlassen oder liegen gelassen, bis es verwest.

Im säkularisierten Kontext hat das Wort „Opfer“ nicht die Bedeutung der „Gabe“, sondern u.a. die Bedeutung des Verzichts und des Sich-selbst-Zurückstellen für etwas Höheres. Im Dritten Reich wurde die Handlung der Aufopferung für propagandistische Zwecke missbraucht. Einmal im Monat gab es den Opfersonntag, an dem statt eines Sonntagsbratens ein einfacher Eintopf gegessen wurde. Blockwarten der NSDAP gingen von Tür zu Tür und sammelten das eingesparte Geld ein, das dem Winterhilfswerk zugute kam. Die Nazis führten den Opfersonntag ein, um den sogenannten Volkswillen zu stärken, in dem sie die Bevölkerung durch solche Aktionen glauben ließen, dass sie die Gesellschaft zu Besserem bewegen würde. Heute würde man von Manipulation sprechen.

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Da bald Weihnachten ist, nochmal zurück zu Jesus. Im Christentum sind zwar viele Lebensmittel religiös konnotiert, es werden jedoch keine Opfergaben an Gott erwartet. Im Gegenteil: Kein Mensch muss mehr Opfergaben bringen, weil Gott den Spieß im Neuen Testament umdrehte und sich durch Jesus an die Menschheit selbst opferte. Beim letzten Abendmahl markierte das Essen, je nach Auffassung symbolisch oder wirklich, die Vorstufe seiner endgültigen Opferung am Kreuz: „Ich bin das lebendige Brot, vom Himmel gekommen. Wer von diesem Brot essen wird, der wird leben in Ewigkeit. Und das Brot, daß ich geben werde, ist mein Fleisch, welches ich geben werde für das Leben der Welt.“ (Joh 6,51)

Tipp: Bis zum Jahresende läuft in der Entretempo Kitchen Gallery noch die sehr sehenswerte Ausstellung Sacred Food mit künstlerischen Beiträgen, was Opfergaben heute alles sein können – von der Pfalz über Indien und China bis nach Brasilien. Don’t miss!

Bilder:

- aus Sacred Food: Entretempo Kitchen Gallery Collectiv, Tito Casal und Sarmishta Pantham

- Dieu-Thanh Hoang

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