Da ist der Wurm drin

coconut worm

In Vietnam gibt es für mich kaum etwas Spannenderes als in enge, dreckige Gassen zu spazieren und Gerichte zu entdecken, die selbst im Berliner Dong Xuan Markt nicht angeboten werden. Wenn man als Vietnamesin in der Pfalz aufwächst, ist die Küche der Eltern meist die einzige Anlaufstelle für authentische vietnamesische Kost. Umso paradiesischer fühlt es sich in Vietnam an, wo „Willst du was essen?“noch vor dem „Wie geht’s dir?“gefragt wird. Dieses Mal war mein Highlight ausnahmsweise keine stundenlang köchelnde Nudelsuppe, sondern etwas ganz einfaches: der Kokoswurm.

Der Kokoswurm ist genauer gesagt eine Larve und hat viele Namen: Sagowurm, Duong Dua, Larve des Rüsselkäfers oder des Palm Weevel oder einfach nur Larve des Rhynchophorus ferrugineus. Die Google-Bildersuche spuckt bei jedem Namen ähnliche Bilder aus: ein daumendicker, gelblicher Wurm mit braunem Kopf. Vielleicht schwimmt er in einem Fischsaucenbad in Gesellschaft mit Chilli und Koriandergrün, vielleicht ist er gegrillt und wie Schaschlik aufgespießt.

coconut worm II

Frischen Kokoswurm bekommt man in der Regenzeit, wenn in Deutschland Hochsommer herrscht. Dann legt der Rüsselkäfer seine Eier in einer Palme ab, woraus bald die bis zu 300 Larven schlüpfen, die sich durch die Palmfasern fressen. Sie werden richtig fett, manche bis zu fünf Zentimeter lang.

Meine Kokoswürmer aßich bei meiner Familie in einem kleinem Dorf im südvietnamesischen Mekong Delta. Dort, wo die
Menschen ihre Häuser direkt an den Flussufern haben und ein Boot –neben dem Mofa, das asiatische Pendant zum Familienkombi –unabdingliches Transfermittel ist. Palmen wachsen dort überall und es ist so schwül, dass man selbst beim Nichtstun schwitzt.

Es ist vietnamesische Sitte, dass man seinen Gästen etwas ganz Besonderes auftischt. Es ist auch Sitte, dass man seine Gäste so lange überredet, bis sie nicht mehr nein sagen können. Und so landete der Kokoswurm in meinem Mund –tja, wenn es nur so einfach gewesen wäre, wie es klingt.

Meine Mutter sagte immer: „Wenn andere es essen können, dann kannst du es auch. Und was du nicht probiert hast, das kannst du nicht verschmähen.“In Europa funktioniert dieses Mantra ganz gut und wer in einer Gegend aufgewachsen ist, wo dem Saumagen Feste gewidmet werden, den kann so leicht nichts aus der Fassung bringen –es sei denn, es handelt sich um einen lebendigen Kokoswurm.

Der Kokoswurm wird gerne bei seiner vollen Vitalität verzehrt. Beim Braten wird er noch zäher, lebendig gegessen kann man sicher gehen, dass der ganze Saft darin enthalten bleibt. Bevor er in eine Schüssel mit Fischsoße wandert, wird er in einer Salzlösung eingelegt und gewaschen. Am liebsten essen die Vietnamesen den Kokoswurm zum gepflegten Alkoholisieren –und Alkohol war für mich bitter nötig.

Als ich auf der Straße (die einzige im ganzen Dorf) vor dem Haus meiner Tante saß, versuchte ich mich mit aller Gedankenkraft an den Anblick der zappelnden Würmer zu gewöhnen. Ich schäme mich nicht zu sagen, dass ich mich zutiefst ekelte –schließlich bin ich im Land der Kartoffelgerichte großgeworden. Ich wusste aber, dass meine Mutter sich für mich schämen würde, wenn ich es nicht probierte –und ganz ehrlich, Saumagen sieht ja erstmal auch nicht so appetitlich aus.

coconut worm III

Es dauerte eine Weile, bis ich mir genug Mut angetrunken hatte, um einen dieser Würmer
zwischen meine Stäbchen zu nehmen. Zuerst muss man die braunen Beißzangen der Larve abbeißen und ausspucken, ansonsten könnte er mich verletzen. Dann nimmt man ihn am besten im Ganzen in den Mund und zerkaut das saftige Stück ganz langsam; ein bisschen so, als würde man Stück eines guten Steaks essen.

Der Geschmack ist seltsamerweise sehr vertraut. Vielleicht lag es an der Fischsoße, die ich selbst in meine Bolognesesoße schütte. Es erinnerte stark an Miesmuscheln, was auch auf die Konsistenz zutraf. Entgegen aller Wahnvorstellungen spürt man keine wimmelnden Bewegungen im Mund –der Wurm ließsich ganz reglos von mir zerkauen.

Der Kokoswurm ist eine wahre Proteinbombe und bei diesem fettigen Wurm kann ich mir wirklich vorstellen, dass er als Fleischersatz taugt. Er war zumindest befriedigender als Reformhaus-Tofu und es ist mehr Fleisch dran als an einer thailändischen Grille. Indigene Völker auf Papua Neuguinea oder auf Borneo essen Kokoswürmer schon sehr lange; so ungesund kann der Wurm also auch nicht sein.

Ich musste an die Chef’s Table Episode mit Alex Atala denken, der Ameisen in seinem Zwei-Sterne-Restaurant serviert, und nicht sicher ist, ob Kaviar aka Fischeier eigentlich so toll ist, wie viele meinen. Unser Geschmack ist so stark kulturell und visuell geprägt, dass Ekel eigentlich nur dann empfunden werden kann, wenn man mit etwas zu wenig vertraut ist. Im Prinzip ist es einfach nur Unwissen. Sobald wir uns überwunden haben und das Fremde nicht mehr fremd ist, können wir mit ungewöhnlichen Zutaten wie dem Kokoswurm sicherlich wunderbare kulinarische Perlen kreieren. Die Kartoffel hat schließlich auch eine Weile gebraucht, bis sie ihren Ruf als giftige exotische Zierpflanze ablegen konnte und endlich salonfähig wurde.

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Meine Cousins in Vietnam erzählten mir, dass der Kokoswurm nur an abgestorbenen Palmen zu finden ist. Ich wusste bis zu meiner Recherche nicht, dass der Wurm für den Tod der Palmen verantwortlich ist. Dass der Verkauf der Kokoswürmer in Vietnam deshalb verboten ist, haben sie mir verheimlicht.

Seit einigen Jahren vollzieht sich durch den ausgewachsenen Kokoswurm, den Palmrüssler, ein regelrechtes Palmenmassensterben, für die es bis heute keine wirklich wirksamen Mittel gibt. Stattdessen wird Grundwasser mit aggressiven Pestiziden verunreinigt und sämtliche Tiere und Insekten vergiftet bis auf den extrem resistenten Palmrüssler.

Er profitiert von unserer großen Nachfrage nach billigem Palmöl, das in so gut wie jedem zweiten Supermarktartikel enthalten ist. Wo Regenwälder mit einer Diversität von rund 30 Millionen Tier- und Pflanzenarten Palmölplantagen in Monokultur weichen müssen, entsteht für ihn das Paradies: lauter leckere Palmen und keine natürlichen Feinde, denn die sind mit dem Regenwald verschwunden.

Der Käfer verbreitet sich auch durch unkontrollierte Palmenimporte. Dadurch hat er es von Asien bis ans Mittelmeer geschafft, wo seine Larven sich durch sämtliche Palmen fressen, bis sie im schlimmsten Fall umfallen. Urlaubsinseln sind besonders betroffen, wo importierte Palmen die Strandpromenaden zieren. 2015 schätzte man, dass rund 90 % aller Palmen auf Mallorca befallen seien. Bis es die delikaten Kokoswürmer am Ballermann zu kaufen gibt, wird es wohl noch ein wenig dauern.

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Bilder: Dieu-Thanh Hoang, Wikimedia Commons

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