Brutal Regional – Ein Ausflug

Brutal House

Wir haben uns den dunkelsten Tag der Woche ausgesucht, um zu den Nazis aufs Land zu fahren. Ich fand den Gedanken spannend, dass jetzt auch Nazis Foodies geworden sind und sie ihre Ideologien durch regionale Kost an ihre Mitbürger bringen. Insbesondere wurde mir Klaber ans Herz gelegt, ein Dorf in Mecklenburg-Vorpommern, ein Vorzeigestück der sogenannten Völkischen Siedler, wo sich rechte Aussteiger ansiedeln, ganz im Stile von linken Bio-Kommunen, nur eben auf der anderen Seite der politischen Dichotomie.

Nachdem wir zwei Autobahnausfahrten verpasst hatten, wurden wir belohnt durch die Hügel der Mecklenburgischen Schweiz, die wir nie gesehen hätten, hätten wir uns dem Dorf Klaber vom Süden aus genähert. So wurde die Fahrt sehr kurvig und etwas angenehmer für meine Mitfahrerin, denn sie, eine Wienerin, ist der Meinung, Deutsche fahren generell zu dicht auf. Hier gab es keine anderen Autos, nur unseres. Dafür Pferde auf den seichten Hügeln mit rauem Wind in den Mähnen. Der Wind legte sich auf die Wiesen, so dass die Gräser sich bogen und silbern wurden, wilde Freude! Wildpferde! meinte ich, aber meine Mitfahrerin meinte es wären normale Pferde. Früher gab es hier sehr viele, das Gebiet war bekannt für die Zuchten, aus denen Berlin seine Reit- und Kutschpferde bekam. Die Urgroßeltern meiner Mitfahrerin waren solche Züchter. Ein übles Pack wohl. Die ganze Zeit über hatte ich Rainald Grebe im Ohr: „Stehen drei Nazis auf dem Hügel und finden keinen zum Verprügeln…“ Aber er singt über Brandenburg. Hier in Mecklenburg schien es alles noch ein bisschen verwinkelter zu sein, undurchsichtiger, geheimnisvoll auf eine furchtbare Weise. Erstens gibt es in Brandenburg gar keine Hügel und deswegen sieht man die Nazis immer von ganz weit weg und zweitens kennt man die Nazis aus Brandenburg ja, sie tragen Bomberjacken und Springerstiefel und man hält sich von ihnen fern. Aber dort im Auto musste ich bei jedem Hügel Angst haben, dass DAS Dorf nun dahinter liegt, Klaber das Nazidorf, über das ich im Internet schon so viel gelesen hatte. Es sollte aber noch dauern. Wir fuhren durch mehrere geschwungene Alleen mit Apfel- und Birnenbäumen, hielten an, sammelten Früchte, ließen uns Zeit. Da ich nicht wusste, wie weit wir von dem Dorf entfernt waren – Google Maps war zu abstrakt für meine Wahrnehmung in diesem Moment – wusste ich auch nicht, wie misstrauisch ich den Birnen gegenüber sein musste. Wer hatte sie angepflanzt, wer isst sie normalerweise, schaut sie an? Ich weiß nicht, wie es ihr ging, aber ich hatte Angst.

Dann waren wir da, parkten den Wagen und liefen durch das menschenleere Dorf. Ein Auto kam, ein Schäferhund fletschte seine Zähne in einem Zwinger, wir hoben ein paar Steine vom Weg auf und packten sie uns in die Jackentaschen, nur zur Sicherheit. Und dann waren wir auch schon wieder aus dem Dorf draußen und standen auf einem Feld. Wir schauten auf ein Sumpf- und Wiesengebiet mit Pferden.

Brutal Horses

Wir gingen zurück ins Dorf und nahmen die einzige vorhandene Abbiegung, von der ich von Anfang an wusste, dass sie die zielführende war, die ich aber ignoriert hatte. „Echter Deutscher Honig“ stand auf einem Schild. Ein Stück weiter ein scheunenartiges Gebäude, Bienenstöcke, eine Frau, die barfuß mit Hammer und Meißel Steine aus einer nahestehenden Mauer klopfte, und sehr viele extrem süße Katzenbabys. Die waren wirklich unwiderstehlich und ich musste unweigerlich an die Baby Kittens denken, die Daesch in den sozialen Medienkanälen zur Rekrutierung nutzt. Ich wurde gewarnt, mich nicht als Autorin jeglicher Art auszugeben und so gab ich mich wahrheitsgemäß als Foodie aus, Essen, eine Leidenschaft, die wir scheinbar teilten.

Die Frau, die dort mit Wind in ihrer langen braunen geflochtenen Mähne ohne Socken und ohne BH auf der Mauer saß, die sie eigenhändig abriss, war eine Person, über die ich ebenfalls schon sehr viel im Internet gelesen hatte: die Buchbinderin von Klaber. Irmgard Hanke gehört zu den sogenannten völkischen Siedlern oder Neo-Artamanen, was natürlich viel besser klingt als Neo-Nazi. Neo-Artamanen distanzieren sich von den klassischen NPDlern u.a. aufgrund von derer politischer Dummheit. Sie haben sich über ganz Deutschland verteilt angesiedelt und verhalten sich bewusst ruhig, setzen nicht auf Aufmärsche und Flaggen, sondern auf soziale Integration. Irmgard Hanke kam vor 8 Jahren zusammen mit dem Imker Jan Krauter und dem Steinmetz Ilja Gräser nach Klaber.

Dann habe ich alles probiert. Aber meine subtil gezielten Fragen liefen ins Leere. Nichts deutete auf irgendeine politische Gesinnung oder Ideologie hin. Ich kaufte deutschen Honig und ließ mich durch Bienenstöcke führen und durch die kleine unattraktive Buchbinderei, die mit gebartikten Bucheinbänden an Weihnachtsmarkt erinnerte. Das war wirklich alles sehr schäbig und Irmgard Hanke deprimiert. Niemand wolle mehr Gedrucktes, ganz zu schweigen von guter Handarbeit. Den Honig kauft eigentlich auch niemand, abgesehen von den paar Besuchern, die sich ab und zu mal nach Klaber verirren. Der Imker hält sich über Wasser mit dem Verkauf seiner Königinnen, die er in die ganze Welt verschickt, sogar in den Iran. Der Steinmetz, fort, er ist schon vor einiger Zeit in ein anderes Dorf gezogen. Ausgesperrte Katzenbabys sprangen von außen an der Tür hoch, aber noch nicht mal die konnten mir jetzt noch Angst machen.

Brutal Bees

Währenddessen gehen in Berlin tätowierte, gutaussehende Hipster im Grunewald Kräuter suchen und versuchen mit Produkten aus dem Umland ihren Co2-Foodprint zu verringern. Bewusstsein ist jetzt cool und “Regional” ist das neue “Bio”. Bestürzung hatte sich breit gemacht, als ans Licht kam, was unter dem Bio-Siegel alles als artgerecht oder nachhaltig durchgeht. Bei „regional“ dagegen geht es nicht um Richtlinien. Es geht darum, dass der Verbraucher die Region kennt, in der das Gemüse wächst, was er isst. Er weiß, wie der Boden riecht nach Regen oder tagelangem Sonnenschein. Vielleicht kennt er auch den Bauern, von dem er seine Einkäufe bezieht, und geht manchmal sogar selber ernten. Oder zumindest der Koch von seinem Lieblingsrestaurant. Essen bewegt sich raus aus der Abstraktion, die Chicken McNuggets so lange möglich gemacht hat. Essen wird emotional. Essen wird politisch. Mit Essen die Welt verbessern! Das Essen lieben, das man isst. Es kennenlernen, um es dann zu lieben. Je regionaler, desto besser. Brutal Regional ist der Slogan eines ausgezeichneten neuen Restaurants in Berlin, wo es extrem experimentelles Essen aus Deutschland gibt mit dem Ziel, deutscher Küche wieder eine Identität zu geben.

Woher kommt eigentlich unser Essen? Eine Frage, die unter nüchternen Gesichtspunkten eine sinnvolle ist. Als ich sie mir das erste mal stellte, war das sehr ernst aber nicht nüchtern, sondern eher romantisch. Ich wollte auf einen Bauernhof arbeiten gehen und eventuell nie wieder zurückkommen. Es war keine Eichendorff-Romantik, in der sich ein Taugenichts mit einem Grashalm im Mundwinkel in den Schatten eines Baumes legt, sondern eher Novalis, dessen Figuren ineinander fließen, transzendent. Woher kommt eigentlich die Tomate, die ich ständig esse? Was ist sie, aus was? Ich wollte eins mit der Tomate sein. Für Novalis ist Liebe Religion, Religion Wollust, das Innere unendlich und die Natur Ausdruck eines poetischen Wandels. Für mich waren Blumen Sterne und Sterne Blumen, bis ich dort auf der Alp gesehen habe, dass Blumen auch Futtermittel für ganz besonders saftige Steaks sind. Novalis, wie ich später herausfand, ist übrigens ein Autor, der schon immer von links und von rechts sehr gerne gelesen wurde. Mit seiner naturnahen Esoterik spricht er sowohl Flower Power als auch Blut und Boden Anhängern aus den Herzen und vor allem den Anthroposophen, die ja eine merkwürdige, doppelbödige Rolle dazwischen einnehmen. Novalis ist Idealist, magischer Idealist sogar und er will die Welt verbessern. In seiner Rede “Europa” schwärmt er vom goldenen Zeitalter, das schon einmal da war (im Mittelalter) und das wiederkommen wird: “Wann und wann eher? danach ist nicht zu fragen. Nur Geduld, sie wird, sie muss kommen, die heilige Zeit des Friedens.” Und das ganze ist natürlich verhängnisvoll. Auf Englisch würde man das heute wahrscheinlich übersetzen mit: Make Europe great again.

Beim Verlassen der Buchbinderei in Klaber fiel mein Blick auf einen Stapel scheinbar frisch gebundener Bücher mit dem Titel in Frakturschrift: Sturmvogel. Wie ich später herausfand, war der Autor Wilhelm Gellert Gründungsmitglied und Vorsitzender der völkischen DAAD, (Deutsche Arbeiter- und Angestellten-Partei) einer antisemitischen vorfaschistischen Partei während der Weimarer Republik. In seinen Science-Fiction Romanen fantasiert er über ein großes Germanisches Reich, das aus den Trümmern der alten Welt erstehen wird.

Eigentlich sollte dieser Text ein Artikel über absurde braun-grüne Nazi-Bauern werden, aber das wäre zu einfach gewesen, denn sie sind tatsächlich nichts weiter als absurd. Das, was mich wirklich an ihnen stört, sind gar nicht sie, sondern etwas an den links-grünen Foodies, die umweltpolitisch für das gleiche stehen, für das ich auch stehe. Und da ist der Ekel natürlich viel größer, weil es irgendwie um mich selber geht. Aber es geht eben doch auch um diese Nazis. Es passieren immer so viele Dinge parallel und man hat Angst, sie in Beziehung zueinander zu setzen und Parallelen auszusprechen. Foodies können ziemlich totalitär sein zu ihren Körpern (je nachdem, welchem Ernährungstrend sie gerade folgen) und zu Andersdenkenden. Sie wollen die Welt verbessern und kämpfen für den Boden, den sie lieben nach tagelangem Sonnenschein oder Regen. Aber manchmal kriegt man das Gefühl, dass sie vergessen, dass genau das auch andere tun und schon immer getan haben, nur eben mit verschiedenen Visionen davon, was eine bessere Welt ist, und teilweise mit dramatischen Folgen. Solange kein Bewusstsein für dieses inhärente Problem des Weltverbessernwollens da ist, ist alles, was damit zu tun hat für mich gefährlich oder naiv oder beides, besonders in Zeiten von AfD, FN, FPÖ und UKIP. Und dennoch, ich bleibe ich dabei: Unter nüchternen Gesichtspunkten ist es sehr sinnvoll, die Frage zu stellen, wo eigentlich unser Essen herkommt.

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