Endlos Hunger

Ostsee

Wenn man alleine ist, kann der Kühlschrank extrem laut werden. Mein Freund mag kein Kürbis. Deswegen habe ich mir, als er verreist war, eine Kürbissuppe gekocht. Dann war sie fertig, aber der Kühlschrank war unaushaltbar laut. Mein Nachbar mag auch kein Kürbis. Er hatte mal auf LSD in einem Bahnhofsrestaurant ein ganzes Kürbismenü gegessen und seitdem konnte er kein Kürbis mehr sehen. Aber mein Nachbar war ebenfalls verreist. Dafür war mein provisorischer Nachbar da, Gregorio, ein anderer Italiener, der immer dann da war, wenn mein Nachbar nicht da war. Als ich an seiner Tür klopfte, schämte ich mich fast, ihn zu fragen, ob er etwas von meiner Kürbissuppe wollte. Aber erstaunlicherweise willigte er ein. Er mochte meine Kürbissuppe! Und er mochte griechische Mythologie, genau wie ich.

Ich erzählte ihm von Homer, dessen Ilias ich diesen Sommer unter einem Apollon-Tempel in der Nähe von Troja vergraben hatte, was er schade fand. Aber wir waren uns völlig einig über Sappho, bei der sich das Lesen so anfühlt, als könnte auch sie unsere Nachbarin sein. Wie schön wäre es, wenn Sappho unsere Nachbarin wäre! Sapphos schreiben ist der beste Beweis dafür, dass das was ich immer denke, nämlich dass Zeit gar nicht existiert, stimmt. Denn ihr Schreiben ist zeitlos. Es ist absolut berauschend und beruhigend zur gleichen Zeit. Wie kann sie nur? Wie kann sie nur das dramatische Gewicht und die hoffnungslose Leichtigkeit unseres Seins in diese Zeile über die Butterblumen tun? Wie kann sie nur Goethes Verweilen-Wollen und Batailles erotischen Tod in diesem Zwiegespräch mit Aphrodite – die hier im Übrigen auch unsere Nachbarin sein könnte – vorwegnehmen? Wie kann sie das tun, wo sie doch auch nur die gleichen Worte wie wir alle anderen zur Verfügung hat, kondensiert zu Poesie, potenziert, wie Novalis es sagen würde. Sorry Homer, du bist vielleicht recht smart, aber leider auch recht blass gegen diese Frau. Ich habe dir dein Buch zurückgegeben, weil ich finde, dass du dies nochmal überdenken solltest. Und dass auch ihr anderen Schwänze nochmal überdenken solltet, was ihr eigentlich wo verhandelt. Für eure durch freischaukelnde Eier angestoßenen Welterklärungsversuche brauchen wir weder Frauenraub noch Vergewaltigung. Das ist und war schon immer relativ kontraproduktiv. Und dass ihr das eigentlich Wunderbare und Verwunderliche in endlosen Metaphern verkommen lasst. Danke Sappho, jetzt weiß ich wieder, warum ich angefangen habe zu schreiben. Wegen der Aussicht auf die Möglichkeit von dir. Wo mir beim Lesen schwindelig wird und ich hilflos werde weil haltlos und ich dann merke, dass dieses Fallen fliegen ist.

Am nächsten Morgen bin ich aufgewacht und es war Sonntag und die Sonne hat geschienen und ich beschloss zur Ostsee zu fahren. Der Kühlschrank brummte, als ich in die Küche kam, aber das machte mir jetzt nichts mehr aus. Ich hatte eine halbe Stunde, um mich fertig zu machen, um den nächsten und letztmöglichen Zug für meine Unternehmung zu kriegen. Unten auf der Straße fuhr mir die Tram vor der Nase weg und ich stieg also in ein Taxi, um zum Zug zu fahren. Das war relativ absurd, ungefähr genauso absurd wie jemand, der mit der Tram zum Fitnessstudio fährt, um sich dort auf eine Fahrradmaschine zu setzen. Denn man muss wissen, ich bin nicht nur zum Zug gefahren, damit dieser mich von A nach B bringt, sondern tatsächlich auch wegen des Zugfahrens. Normalerweise stille ich dieses Bedürfnis, in dem ich ein paar Runden Ringbahn fahre – eine Runde um Berlin dauert ca. eine Stunde. Dort kann ich am besten lesen und schreiben. Ich nehme mir dann Oropax mit, damit ich mir nicht das Gelaber von den Fremden anhören muss. Aber meine Reise an diesem Sonntag hatte zudem auch noch einen weiteren Grund: Ich wollte das Meer sehen. Deswegen war es auch so wichtig, dass ich genau diesen Zug kriegen würde.

Als ich am Hauptbahnhof ankam, hatte ich noch genau 6 Minuten. Ich hatte Durst, aber der Kiosk nahm keine Karte und so stieg ich durstig in den Zug. Der fuhr an und verließ langsam das bekannte Berliner Streckennetz hinein in Brandenburgs November. Feierlich. Die Sonne schien auf die gelb-braune Landschaft und durchs Fenster auf mich. Es war mittag. Der Tag war nicht mehr besonders jung aber noch lang. Ich hatte meine Sonnenbrille auf und Oropax in den Ohren. In diesem Zustand kommen die Dinge gefiltert, aber in ihrer pursten Wesenheit zu mir. Es war sehr feierlich. Ich fing an zu schreiben. Dann machte ich ein Nickerchen.

Als ich aufwachte, war alles anders. Eine Gruppe Teenies grölte in meine Ohren, mein Mund war inzwischen papiertrocken und ich hatte auf einmal einen unerträglichen Hunger. Außerdem schien die Sonne nicht mehr. Ich wusste nicht was schlimmer war und fühlte mich wie Eichendorffs Taugenichts, dessen Stimmung auf seiner Italienreise komplett vom Wetter abhängig ist; wo die inneren und äußeren Begebenheiten das Selbe werden. Das alles änderte sich ein zweites mal, als ich sah, wie sich die Landschaft verändert hatte. Alles wurde milder und ich erinnerte mich daran, warum ich Reisen wollte. Wegen der Befreiung, die damit einhergeht, in einer Umgebung zu sein, die nicht die Vertraute ist.

Inzwischen war mir allerdings schwindelig vor Hunger und Durst und ich wusste auch nicht genau, wo ich aussteigen sollte. Anscheinend fuhr der Zug parallel der Ostseeküste gen Osten und ich wusste nicht, wie nahe ich eigentlich an der Küste dran war. Und das war relativ entscheidend, denn ich wollte keine Zeit verlieren auf meinem Weg vom Zug zum Strand, denn ich würde insgesamt nur etwa 2 Stunden haben, bis dass der letzte Zug zurück nach Berlin fahren würde. Mein Handy konnte ich nicht wirklich benutzen, denn es war fast leer und ich brauchte es noch, um mein E-Ticket auf der Rückreise vorweisen zu können. Aber auf einer Karte im Zug fand ich schließlich heraus, dass die Gleise dem Meer am nächsten kamen im letzten Ort vor der polnischen Grenze. So sollte es also sein. Seebad Ahlbeck. Hier stieg ich aus.

Ich war völlig entkräftet und orientierungslos ohne Google Maps und kämpfte mir meinen Weg wie in Trance durch einen typisch deutschen Dorfkern, hob für unendlich viel Gebühren an einem fremden Geldautomaten Geld ab und taumelte schließlich auf die Uferpromenade. Da war es. Das Meer. Unbegreifliche Größe. Mein Herz wurde weit. Und weich. Unten am Strand ein Kiosk. Ich kaufte mir ein Wasser und ein Fischbrötchen und ließ mein Handy bei der Verkäuferin zum Aufladen. Dann ging ich ganz nach vorne, wo ich mich direkt neben der Brandung in den Sand fallen ließ und mich endlich meinem Fischbrötchen hingab.

Dann ging ich los nach Polen.

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