Buchkritik:
Essbare Insekten

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Die meisten Leute würden eher ein bisschen Gift essen, als ein paar Insekten. Auch deswegen sprühen wir Obst, Gemüse und Getreide mit Pestiziden ein. Wir wollen Getreide ohne Ohrwürmer und läusefreien Spargel essen. Wir nehmen große Mühen auf uns, um die Insekten von unserer Nahrung fernzuhalten, was wiederum darauf schließen lässt, dass Insekten selber kein Nahrungsmittel sind.

Insekten jedoch sind Nahrungsmittel oder sollten es zumindest sein, sagt Daniella Martin in ihrem gerade erschienen Buch Edible. Gleich zu Anfang serviert sie ihr Hauptargument: „Insekten zu essen, ist ökologisch und ökonomisch sinnvoll und sie schmecken wirklich gut.“ Auf den folgenden 150 Seiten macht sie uns Beispiele schmackhaft, unter anderem das dänische Bienenlarven-Müsli oder die Streetfood-Spezialität Ameisen-Omlett aus Thailand. Edible ist nicht die einzige Neuerscheinung über Etomophagie, dem Konsumieren von Insekten. Es unterscheidet sich aber von allen anderen neuen Kochbüchern und Studien durch eine lebendige, leicht zugängliche und meist überzeugende Darstellung des Insektenessens und macht deutlich, dass dies inzwischen zu einer sozialen Bewegung geworden ist.

Edible ist Verfechtung und gleichzeitig Erzählung. Insekten waren immer Teil der menschlichen Ernährung, erzählt Martin und stellt uns sowohl traditionelle Schauplätze des Insekten-Essens vor (wie eine Sagoraupen-Farm in Kambodscha) als auch die hippen Insekten-Initiativen von heute (wie ein Essenswagen auf dem Off the Grid Market in San Francisco). Jedes Kapitel präsentiert jeweils ein oder zwei Szenen des Insekten-Essens als Vorspeise, bevor es ans Eingemachte geht: Martins vielen Argumente für die Etomophagie.

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Die meisten ihrer Argumente sind farbenfroh und überzeugend. Unter anderem führt sie die prominente These auf, dass unser Nahrungssystem die stetig wachsende Bevölkerung nicht mehr versorgen kann, ohne auch den giftigen Cocktail von Entwaldung, maßloser Verschwendung und Klimawandel immer stärker zu nähren. Dass Martin teilweise ein bisschen vereinfacht – in ihrem Untertitel heißt es „Die letzte große Hoffnung, den Planeten zu retten“ – wird dadurch wettgemacht, dass uns gerade diese Art manchmal auf die Sprünge hilft, die Problematik wirklich wahrzunehmen. Kapitel 1 lässt ein „Fastfood Restaurant der Zukunft“ vor unseren Augen entstehen, in dem mit jedem Gang die Abfallprodukte des Anbaus, Verarbeitens und Verschiffens serviert werden. Ein Hamburger kommt zum Beispiel mit „vier Pfund dampfenden Kuhmist, tausend spritzenden Gallonen verschmutzten Wassers und einem ekelhaften schwarzen Schlamm, der sich als das Karbon von einer Gallone Benzin herausstellt.“ Eine Portion Cricket McNuggets würde dagegen serviert mit: „einem halben Pfund Abguss, der sich kaum von frischer Erde unterscheidet und zehn Gallonen leicht wolkigen Wassers. Kein Methan, eine Spur Karbon.“

Die sehr lebendigen Thesen in Edible sind teilweise Schwachstellen. „Nahrung ist eine Art Geld“, heißt es in Kapitel 2. „Wenn Blätter Dollarscheine repräsentieren, sind Früchte fünf, Nüsse zehn und Insekten und andere Arten von Fleisch 50 Dollar.“ Diese Ausführung hat durchaus Hand und Fuß und Martin beruft sich über dies auch auf  Ernährungswissenschaften, um ihr Anliegen deutlich zu machen: Menschen brauchen ein hohes ‚Einkommen’ an Proteinen und Fetten, um Gehirn und Körper mit Energie zu versorgen. Allerdings verfehlt die Metapher ihr Ziel, indem sie die Proteine von Insekten mit denen von anderen Tieren gleichsetzt. Damit lenkt sie die Debatte hin zu Fleisch essen oder nicht und produziert eher ein Echo als eine Rechtfertigung der Skepsis an vegetarischer Ernährung. (Martin geht davon aus, dass fleischlose Ernährung ungesund ist.) Kurz, sie simplifiziert Wissenschaft, um ihre speziellen Werte darzulegen, und riskiert damit Dogmatismus. (Das ist nicht erstaunlich bei einer stigmatisierten Angelegenheit wie dem Insekten-Essen – die Autoren, die am ehesten bereit sind, die Sache ernst zu nehmen, sind diejenigen, die bereits vom Nutzen überzeugt sind.)

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Martin braucht nicht auf Nebensächlichkeiten wie den Vegetarianismus einzugehen, aber sie tut es doch. Ihrer Denkweise nach eignen sich Insekten hervorragend dafür, die Nahrungslücken von Vegetariern zu füllen. Darüber hinaus könnten sie auch einen Teil von paleolithischer Ernährung ausmachen, wenn wir die steinzeitlichen Essgewohnheiten einmal ganz ehrlich betrachten. Martin baut behutsam ein Bild auf: Insekten-Essen müsste nicht zu einem radikalen Life-Style werden, sondern könnte die bestehende Ernährung vervollkommnen wie Croutons den Salat. Sie ist realistisch, indem sie davon ausgeht, dass Insekten-Essen nur dann an Zugkraft gewinnt, wenn es mehr als nur die neuste Mode ist.

Martin weiß: Argumente alleine reichen nicht aus, um Revolution zu machen. Edible  versucht, dem Insekten-Essen ein neues Image zu geben, und damit ist erst der erste Schritt getan. Denn die meisten Leute fühlen sich doch noch nicht wirklich angesprochen von „Sechsbein-Salsa“ (serviert im Bug Appétit in New Orleans) oder „Mais-Ohrwurm-Tamal“ (Martins eigenes Gericht). Im Großen und Ganzen gelingt es Martin allerdings ein breites Publikum anzusprechen, ohne den Appetit zu verderben. Es könnte sogar passieren, dass sie es an einem ihrer Höhenpunkte schafft, den einen oder anderen Mund wässrig zu machen. „Das süße Miso mit dem gebratenen Reis“, schreibt sie in Kapitel 7,  „ergänzt sich vorzüglich mit der cremigen Nussigkeit der Wespenlarve.“ In diesen Momenten ist sie keine Verfechterin mehr. In diesen Momenten ist sie eine wehrlose Feinschmeckerin, die sich ihre Lippen leckt.

Text (EN): Daniel A. Gross
Bilder:girlmeetsbug.comyelp

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