Was Amerikas Arbeiter gegessen haben. Eine Buchkritik.

BOOOK

1850 lag der Preis für eine kleine Dose Mais an der amerikanischen Ostküste bei ungefähr 0.50 $. In dieser Zeit verdienten viele Amerikaner der Arbeiterklasse weniger als 1.00$ pro Woche.

How the Other Half Ate: A History of Working Class Meals at the Turn of the Century ist ein Buch von Katherine Leonard Turner, das dieses Jahr erschienen ist. Es ist voll von solchen Fakten. Turner trägt jegliche Art von Aufzeichnungen zusammen – aus engen städtischen Küchen, ländlichen Gemüsegärten und lokalen Delikatessenläden. Turner hat ein Buch geschrieben, das sich mit Themen wie Industrie, Städten und Geschlecht auseinandersetzt. Ein wahrer Schatz für Nahrungs- und Sozialhistoriker. Die etwas zusammengeflickte Struktur des Buchs läuft allerdings Gefahr, zu viele Informationen zu geben und zu wenige Geschichten zu erzählen. Turner versucht, die Entwicklung der Arbeiterklasse im Laufe des Jahrhunderts zu katalogisieren und vergisst dabei die lebendigen Beispiele, die man bräuchte, um ein Geschichtsbuch zum Leben zu erwecken.

Im Untertitel heißt es „a history of working-class meals,” was zwei Dinge voraussetzt. Erstens, dass sich Gerichte nach sozioökonomischen Klassen kategorisiert lassen. Zweitens, dass es so etwas wie eine einheitliche Arbeiterklasse gibt. Der erste Punkt wird durch das Buch von Turner deutlich illustriert, obwohl sie mit ihren Beweisen etwas aggressiver sein könnte. Obwohl der zweite Punkt die Perspektive des Buchs erweitert, zersplittert er sie aber leider zur gleichen Zeit auch.

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Begründet in der ersten Annahme schafft es Turner eine ganze Sozialgeschichte in den Anstieg der Herstellung von Bäckereibrot hinein zu lesen. 1910 gab es doppelt so viele Bäckereien pro Amerikaner wie 1880. Dies ereignete sich über eine große Spanne von Kulturen und Regionen, denn der treibende Faktor, so Turner, war die einfache Wirtschaft. Zu Hause zu backen erforderte die Zeit, den Teig zu machen, Platz für einen großen Ofen, und Geld, um Zutaten in größeren Mengen einzukaufen. Stadtarbeiter hatten oft keins von diesen Dingen, und als Bäckereien populärer wurden, wurde das im Laden gebackene Brot immer billiger. Brot war praktisch. Man konnte es zu jedem Essen servieren und es mit zur Arbeit nehmen. Das traf genauso auf einen Bauarbeiter in Muncie, Indiana zu, wie auch auf einen Textilarbeiter in New York City. So hat sich das Brot vom Bäcker seinen Weg durch das Land gebahnt – nicht als Kultur von Einwanderern oder als lokale Tradition, sondern als Folge von niedrigen Einkommen und bescheidenen Lebensumständen.

Turner hat ihre besten Momente, wenn sie den Leser mit lebendigen Beispielen versorgt, wie sie es in einem Kapitel über Mühlen- und Fabrikstädte macht. Anschaulich beschreibt sie, weshalb Familienumstände ausschlaggebender für die Ernährung waren, als kulturelle Umstände. Immer wenn sie sich auf ein spezifisches Essen oder ein bestimmte Region fokussiert, ist ihr Buch überzeugend und auf angenehme Weise detailliert.

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Weniger erfolgreich ist Turner, wenn sie versucht ihre zahlreichen unterschiedlichen Quellen auf einen Nenner zu bringen, so wie in der Einleitung, wenn sie das Frühstück der verschiedenen Arbeiter beschreibt.:

Kaffee und Tee und ein Brötchen waren den jüdischen Einwanderern in New York genug. Mühlenarbeiter frühstückten ein paar Bohnen und Brotreste vom Vortag mit Kaffee, Textilarbeiter in Piemont aßen gebratenes Schwein und Weizenkekse oder Maisbrot mit Sirup. Ledige Männer in Detroit oder Chicago gingen in die Nachbarschaftskneipe, um ein stärkendes Bier vor der Arbeit zu trinken.

Die Diversität der Ernährung ist hier auffällig und faszinierend, aber zu umfangreich, um sie in einer einzigen Liste abzuhandeln oder zu analysieren. Offen bleibt hier, was solche Unterschiede der Gerichte verursacht. Spezifische lokale Landwirtschaft, Traditionen der Einwanderer, Arbeitsbedingungen? Etwas weiter hinten im Buch bietet Turner ein paar Erklärungen an – dass zum Beispiel „schnelle Brote“ wie Maisbrote oder Kekse eine einfache und praktische Alternative zu Hefegebäck waren. Aber gerade dieses Patchwork an Details kann verwirrend sein. Es lässt den Leser die zweite Hauptannahme infrage stellen – nämlich, dass die Arbeiterklasse als eine kohärente Einheit zu sehen ist.

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In einem anderen Buch hätte Turner wahrscheinlich jedem Ort oder sogar jeder einzelnen Familie ein Kapitel gewidmet und hätte ihre Themen in Unterabschnitten und nicht in Kapiteln entwickelt. Möglich, dass ein solches Buch nicht so wertvoll für Historiker gewesen wäre, die relativ wenig Sekundärquellen wie diese zur Verfügung haben. Aber es wäre bei weitem besser lesbar für den Rest von uns gewesen, und vielleicht noch wichtiger – es wäre den bemerkenswerten Momenten gerechter geworden, die Turner in ihrer Recherche ausgräbt.

In ihrem Kapitel über Essen in Städten zitiert Turner Geschichten, die ihr von Immigrantenfamilien in Pittsburgh erzählt wurden. Eine italienische Frau erinnert sich an hausgemachtes Brot und das Pflücken von Löwenzahn im Park in den frühen 1900er Jahren:

Die Polizei kam und hat uns gejagt. Sie wollten nicht, dass wir dort Löwenzahn pflückten. Ich weiß gar nicht warum, weil es sogar gut ist, sie aus dem Boden zu holen. Wir haben sie mit nach Hause genommen und gewaschen, haben einige verkauft und den Rest in einer Suppe gekocht oder mit Öl und Knoblauch gebraten. Wir haben sie dem Restaurant Kramer in der Innenstadt verkauft – das war ein wirklich nobles Restaurant in diesen Tagen.

Manchmal können ein paar Details wie diese ganze Geschichten erzählen. Sie sagen uns nicht, wie viele Maisdosen in einen Wochenlohn passen, oder wie viel Prozent an Minenarbeitern kürzlich immigriert sind. Aber sie helfen uns soweit wie möglich nachzuvollziehen, was ein wirkliches Arbeiterklassengericht um die Jahrhundertwende bedeutet haben könnte – von der Angst vor der Polizei über die Ironie, dass Stadtlöwenzahn in schicken Restaurants serviert wurde bis zu der einfachen Freude, jeden Morgen frische Blumen zu pflücken. Wenn wir Glück haben, wird Turners nächstes Buch genauso lebendig wie die vereinzelt verstreuten Edelsteine in diesem Buch.

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Text (EN): Daniel Gross 
Immages: creativecellwikimediavi.sualize.usmainememory

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