Zeitgeist Lebensqualität. Ein Supper Club.

Nobelhart_Caroline Prange Photographie_14Hendrik Haase, Sylvia Kopp, Micha Schäfer

An diesem Abend wurden jegliche Bier-auf-Wein-Regeln absolut obsolet, vielleicht weil die Biere und Weine von einem anderen Stern kamen. Der Supper Club am Freitag Abend im CFL hatte eine ganz besondere Note von Frische, Spritzigkeit, Rohheit und vielleicht sogar eine Prise Derbheit. Modern, klar und auf hohem Niveau bewegte sich der Abend von leichten Vorspeisen hin zu leichtem Dessert. Dreamteam Nobelhart und Schmutzig, bestehend aus Koch Micha Schäfer und Wirt Billy Wagner, hat mit jedem Gang Können und engste Zusammenarbeit bewiesen. Unterstützung bekamen sie von Bier-Sommelière Sylvia Kopp, Gründerin der Berlin Beer Academy.

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Das Team wurde abgerundet von einer weiteren Person: Helena Ponstein, die sehr am Wohl unserer Umwelt interessiert ist und sich mit dem Zukunftswerk beruflich dafür einsetzt. So begaben sich die vier auf eine waghalsige Reise zwischen Genuss und Verantwortung.

Die Vorspeise wurde von Helena Ponstein auf der Straße gereicht. Man konnte zwischen Bier, Wein und Milch wählen. Ein einziges Gerangel, weil niemand Milch wollte und niemand wusste, dass „auf drei“ alle ihr Glas auf die Straße entleeren würden. Helena erklärte uns, wie viel virtuelles Wasser wir im Handumdrehen auf den Pflastersteinen verteilt hatten, beeindruckende 2188 Liter. Lieber trinken, dachten wir uns auf dem Weg zurück ins Lab, am besten austrinken bis auf den letzten Tropfen.

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Austrinken, das war Billys erklärtes Ziel, wie er lautstark verkündete, wenn vielleicht auch aus anderen Gründen. Der nächste Gang war kreiert für die Berliner Schnauze , alles regional, nichts weit hergeholt: Im Ofen gegarte Karotte, süß und erdig, traf auf salzig zerplatzenden Lachskaviar, der sich mit frischen Sanddornbeeren mischte, die auch zerplatzten und sauren Saft verteilten. Kräutrig-bitterer Gundermann ließ das Ganze perfekt explodieren. Micha und Billy hatten das Kraut genau wie den Sanddorn zuvor am Spreeufer gepflückt. Dazu natürlich Berliner Weisse, was sonst, die natürlich nichts mit dem grünen Sirupgebräu aus Supermärkten zu tun hatte. Nein, Onkel Herbert, nuancenreich, wie man es von einer Berliner Schnauze gar nicht erwarten würde.

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Micha ließ uns kurz darauf zerlassenes Rinderrückenfett die Kehle herunterrinnen, dazwischen frische Staudenselleriestücke, eine völlig andere Materie, was für ein Vergnügen! Der Wein dazu, Els Bassots (2013), schien völlig durchsichtig seine Heimat in Tarragona, Katalonien abzubilden, man schmeckte sein Terroir, Rauch, Steine, Nüsse, bis hin zu weichen Blüten. Crocus hieß das Bier, das mit Safran angereichert war und sich mühelos neben den Wein stellte. Es verband sich moussierend mit der dicken Rinderbrühe und schnitt sich auf der anderen Seite mit Schärfe und Trockenheit durch dessen Textur.

So ging es noch eine Weile, Gang um Gang, ein Gedicht, vorgetragen von drei Profis. Ab und zu erhob Billy seine Stimme, um unartige Gäste zur Ordnung zu ermahnen, ganz wie es der Berliner Charme vorschreibt, und die schöne Helena trat ihrerseits an die hemmungslosen Hedonisten heran, um zu vergegenwärtigen: Genuss ist eine privilegierte Angelegenheit. Tun wir etwas für unser Mütterchen Erde, damit wir noch lange genießen können.

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Genuss und Verantwortung also. Sind das die Pole, zwischen denen sich der neue Zeitgeist bewegt? Müssen es zwei Pole bleiben? Eines steht fest: Niemand, der konsumiert, kann seine Hände in Unschuld waschen, aber wer sich für Nobelhart & Schmutzig entscheidet, genießt garantiert und kann dabei auf nachhaltig hergestellte Produkte aus der Region zählen (und seine Verantwortung also an Micha und Billy abgeben). Und wer ganz genau hinsieht, kann im Morgengrauen manchmal zwei Gestalten an den Spreeufern entdecken. Sie sammeln Beeren und Kräuter.

Nobelhart_Caroline Prange Photographie_09Billy Wagner & Micha Schäfer: Nobelhart & Schmutzig

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