Abenteuer Indoor Farming

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Urbanisierung ist ein Megatrend. Die Weltbevölkerung wächst, die Städte explodieren. Die Entstehung von Mega-Städten ist eine unaufhaltsame Entwicklung. Bis 2050 wird die Weltbevölkerung von mehr als 7 Milliarden auf über 9 Milliarden ansteigen [1], nahezu 80% der Weltbevölkerung wird in Städten leben [2]. Wie sollen all diese Menschen ernährt werden? Woher soll der Platz für eine traditionelle Landwirtschaft genommen werden, um den Bedarf an frischen Lebensmitteln in diesen Mega-Städten zu befriedigen?

In Zukunft könnten frische Lebensmittel ganz woanders herkommen, nicht vom Land, sondern direkt vom Wohnzimmer auf den Teller. Einen kürzeren Transportweg gibt es nicht – die Antwort heißt Indoor Farming, eine Anbaumethode für Nahrungsmittel. Und zwar drinnen. Das Essen wird da angebaut, wo es auch verspeist wird: Zuhause. Ein neuer Trend ist geboren, die urbane Landwirtschaft.

John Floros, Professor an der Kansas State University, erklärt: „Überall auf der Welt wächst die Mittelschicht (…) und sie wird nach besserem Essen verlangen, vor allem in Hinblick auf Sicherheit, Geschmack, besser in vielerlei Hinsicht“ (mehr zu dem hema gibt es hier: Die Zukunft der Lebensmittelverschwendung). Das Konzept Indoor Farming kann diese Bedürfnisse bedienen.

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Praktisch jede Pflanze kann auch drinnen wachsen, das ist nur eine Frage der richtigen Bedingungen und der Lichtzufuhr. Gerade für Länder, in denen nicht das ganze Jahr über die Sonne scheint und Obst und Gemüse über lange Strecken aus den unterschiedlichsten Teilen der Welt beschafft werden müssen, ist die Idee des Indoor Farmings ein zukunftsträchtiges Konzept. Die frischen Lebensmittel sind so das ganze Jahr über unmittelbar verfügbar. Weite Transporte und die benötigte Kühlung fallen weg, Transportkosten werden minimiert, die Herstellung ist enorm energie- und wassereffizient. Ganz nebenbei werden so die CO2-Emissionen reduziert. Der Anbau ist von Saison und Wetter komplett unabhängig, es gibt also auch keinen Verlust durch Ernteausfälle. Eine Revolution für die urbane Lebensmittelversorgung.

Diese Art des Anbaus erschließt ganz neue Möglichkeiten. Angebaut und geerntet werden kann nun nicht nur in der Stadt, sondern auch in der Wüste, im Keller, auf dem Mars, erklärt Guy Galonska, einer der Gründer des Infarm Cafes in Berlin, das sich in einem Kreuzberger Hinterhof versteckt. Die Idee hinter Infarm war, einen Weg zu finden, das eigene Essen selbst anzubauen, gesünder zu leben und die Kontrolle zurückzugewinnen über das, was man zu sich nimmt. Das Ganze kombiniert mit dem Wunsch in der Stadt zu leben. Indoor Farming vereine all diese Wünsche, sagt Galonska. So ist das Infarm Cafe entstanden, wo die Gründer nun ihre selbstangebauten frischen Kräuter dem Berliner Publikum anbieten.

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Beim Indoor Farming ist es sogar möglich ganz ohne Erde anzubauen. Im Zusammenspiel mit speziellen LED-Lampen, die das Sonnenlicht ersetzen, wird als Ersatz für Erde eine Hydrokultur genutzt. Bei dieser Art des Anbaus behält man die totale Kontrolle über die Umgebung, in der das Obst und Gemüse wächst. Dadurch schmeckt das Selbstgezüchtete sehr intensiv, es ist unbeeinträchtigt vom Wetter und jahreszeitlichen Schwankungen. Der Stadtbewohner hat die Chance mit einfachen Mitteln zum Gemüsebauern zu werden und damit zum Selbstversorger. Er ist nicht mehr dazu verdonnert ein Dasein als passiver Konsument zu fristen, sondern wird zum aktiven und selbstbestimmten Produzenten. Das ist die eigentliche Revolution.

Mit kreativen Lösungen für Indoor Farming in urbanen Räumen beschäftigt sich auch das italienische Start-up Bulbo. Bulbo entwirft und verkauft die dafür benötigten LED- Lampen. Sie geben damit dem Stadtmenschen die Möglichkeit urbane Landwirtschaft auf einer alltäglichen Basis Zuhause zu erfahren und wollen so deren Beziehung zur Natur fördern.

Die Steigerung des Indoor Farming ist Vertical Farming, Indoor Farming auf mehr als einer Etage. Dadurch, dass vertikal angebaut werden kann, kann auch der kleinste Raum auf effizienteste Art und Weise für den Anbau genutzt werden. In so genannten Farmscrapern, mehrstöckigen Gebäuden, kann saisonunabhängig das ganze Jahr über Obst und Gemüse angebaut und geerntet werden.

Diese urbane, vertikale Landwirtschaft könnte der Problematik Abhilfe verschaffen, eine wachsende Weltbevölkerung, die sich vor allem in Mega-Städten konzentriert, mit frischen Lebensmitteln zu versorgen.

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Es handelt sich beim Indoor Farming um einen Kompromiss, der einer sich verändernden Welt Rechnung trägt. Der Mensch muss sich den Herausforderungen dieser Zukunftsszenarien stellen und Indoor Farming bietet einen Lösungsansatz, der über die Möglichkeiten der traditionellen Landwirtschaft hinausgeht. Nur so ist es möglich Lebensmittel dort anzubauen, wo die Menschen auch leben.

Doch was bedeutet es für unsere Tradition, wenn uns das natürliche Gesetz der Saisonalität komplett abhanden kommt? In der Stadt sei es ohnehin schon so, dass sich die Menschen und ihre Speisepläne gar nicht mehr nach den natürlichen Jahreszeiten richten würden, erklärt Guy Galonska von Infarm. „Es ist was durchaus menschliches, dass wir von Werkzeugen und Technologien Gebrauch machen, denn erst diese geben uns die Möglichkeit eine gewissen Kontrolle über unser Leben zu haben und Dinge zu verfolgen, die uns guttun. Wir haben so die Möglichkeit, die Zukunft mitzubestimmen. Die Stadt ist eine ganz natürliche Entwicklung der menschlichen Spezies und genauso verhält es sich mit dem Indoor Farming.“

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[1] UN-Bericht 2013

[2] http://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/globalisierung/52705/verstaedterung

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