Grüne Köpfe:
Essen als Statussymbol

eine Unterhaltung mit Lyss von BLYSS chocolate

Für sie war es eine Notwendigkeit, für dich ist es ein Statussymbol. Im Bezug auf Kochen ist das der Unterschied zwischen dir und deiner Großmutter. Während unsere Großmütter sich an die Küche fesseln lassen mussten, sahen unsere Mütter in dem Schicksaal hinterm Herd einen Grund zur Rebellion. Für uns ist es inzwischen eher eine Ehre, die Muße zum Kochen zu finden. Egal ob Mann oder Frau, Kochen gibt uns die Möglichkeit ein künstlerisches Können jenseits des Alltagsjobs zu beweisen.

Manuela Rehn, Gründerin der bekannten Berliner Strategieberatung für biologische und ethische Essenssysteme, Grüne Köpfe, erklärt mir ihr Konzept bei einer gegrillten Schweinebauchroulade in der angesagten Markthalle Neun in Kreuzberg.

Gruenekoepfe_CaroHoene 147Photos @ Caro Hoehne

‘Über nichts wird mehr gesprochen als übers Essen. Wissen über Essen hebt heute sozialen Status. Aber im Unterschied zu früheren Zeiten möchten die Wenigsten heute als eingebildete Kenner rüberzukommen. Vielmehr möchten die Leute sich als leidenschaftliches Individuum mit einem Bewusstsein für Kochen und Essen präsentieren. Dank Facebook, Instagram, Blogs und Webseiten, die sich mit dem Thema Essen beschäftigen und die eine unerschöpfliche Menge von Informationen bieten, kann fast jeder zum Lebensmittelexperten werden,’ erzählt mir Manuela.

Das mit Coolness besetzte Wissen über Klamotten und Musik, mit dem wir aufgewachsen sind, wird heute also mit dem Wissen über Essen besetzt.

‘Bei den Jüngeren kann man beobachten, dass Restaurants und Veranstaltungen zum Thema Essen die Clubs als angesagte Orte ersetzt haben. Man ist cool wenn man weiß, wo es den besten Burger gibt, wenn man zu den auserwählten Gästen eines geheimen Supper Clubs gehört oder den Bauern, von dem man sein Gemüse bekommt, persönlich kennt. Junge Leute erreichen ihre “Coolness Credibility”, indem sie Experten in Sachen Essen sind’, erzählt sie mir weiter.

Gruenekoepfe_CaroHoene 146 Photos @ Caro Hoehne

Trotz meines mit Schweinebauchsandwich gefüllten Mundes kann ich mir es nicht verkneifen, einen Witz zu erzählen: ‘Wahrscheinlich haben Teenager heute auch keine Starposter mehr an der Wand hängen, sondern Poster mit Sprossen und Gemüse drauf…’ (mit vollem Mund pruste ich los). Natürlich erkennt sie das Lächerliche an meiner Aussage. Dieser neue Trend, so Manuela, betrifft jedoch nicht den angedeuteten Markt der 16-25 Jährigen. Vielmehr sind es die 25-55 Jährigen, die Einfluss und Geld haben, und zudem beginnen über ihre eigenen Bedürfnisse hinaus zu denken. Für sie bedeuten Weinproben und Essen Genuss und Lebensfreude. Aus dieser neuen Begeisterung heraus werden Poster von Lebensmitteln tatsächlich mehr gekauft und verkauft, wie Manuela erzählt. Vielleicht nicht ganz so wie die Pin-Ups von Prominenten, aber immerhin.

‘Den Trend begleitet die Entwicklung einer vielfältigeren Sprache, die sich mit dem Thema Essen auseinandersetzt. Eine Sprache, die geschmackliche Geschehnisse reflektiert und erklärt. Sie löst auch ein größeres Interesse für die Hintergründe aus: Produktion, Handwerk etc.’ sagt Manuela.

Ich lerne, dass der Schlüssel zu der Zielgruppe der jungen Feinschmecker im Augenmerk auf Genuss und Neugier liegt. Neulingen aus der Brache öffnen sich die Türen zum Lebensmittelmarkt, indem sie den jungen Food- Enthusiasten den Raum zum Entdecken und Feiern ihrer Identität und zum Zeigen und ihres Lifestyles geben. Tatsächlich hat die Süddeutsche Zeitung Anfang des Jahres geschrieben: ‘Man will jetzt sogar zeigen, dass man sich besser ernährt als all die anderen. Dass man in Bezug auf moralische Ansprüche, Tierrechte und den Schutz der Umwelt alles richtig macht, mit dem Essen.’

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‘Wer heute über Essen reden will, muss über ein breites Themenfeld bescheid wissen. Es wäre lächerlich sich über Essen zu unterhalten und dabei die landwirtschaftlichen Aspekte außen vor zu lassen. Wie bereits Wendell Berry sagte: ‘Essen ist untrennbar mit dem Thema Landwirtschaft verbunden’, zitiert Manuela.

Nicht nur in den Bereichen Mode und Technologie ist es ein Trend, über Schlüsselkomponenten und Techniken Bescheid zu wissen um somit in der Lage zu sein, eigene Ansätze zu entwickeln. Auch in der Welt der Lebensmittel ist dies ein Trend, der wenig mit den Inhalten des klassischen Kochbuches zu tun.

Die Zielgruppe der Kochenthusiasten, die sich eigentlich durch das Befolgen von Regeln und Anweisungen auszeichnet, hat ein neues Gesicht. Es geht vor allem um Genuss und die Freiheit, persönliche Kreationen zu verwirklichen.

Einzelhändler und Hersteller haben nun die Möglichkeit, ihre Fachkenntnisse und ihr Know-how an ein empfängliches Publikum von Feinschmeckern weiterzugeben. Auch mit meiner Schokoladenfirma BLYSS versuche ich Wissen, Inspiration und die Macht des selbstbestimmten Essens weiterzugeben.

70-de

Ihr könnt Manuela Rehn und ihren Geschäftspartner Jörg Reuter auf ihrem nächsten Workshop am 21. Und 22. November hier im Contemporary Food Lab kennenlernen.

‚Grüne Köpfe’ veranstalten Workshops für Einzelhändler und Hersteller wie mich. Sie informieren über aktuelle Essentrends, wie man aus Wurzeln Geld machen kann und aus seinem Laden einen Ort, der den Konsumenten, das Land und die Saat achtet. Wenn ihr mehr über diesen großartigen Mix aus Moral und Unternehmen wissen wollt, könnt ihr euch gerne an Manuela wenden: www.gk-strategie.de

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