GEsundheitssucht:
Orthorexia Nervosa

Sich gesund zu ernähren ist richtig, kein Zweifel. Zwischen Schnitzel und Currywurst hin und wieder mal einen Salat einzuschieben, bewahrt einen vor Übergewicht und Herzproblemen. Doch die richtige Ernährung kann auch zur Obsession werden, und dann schlägt sie schnell in ihr Gegenteil um. Orthorexia Nervosa, der Begriff der 1997 erstmals vom US-amerikanischen Arzt Steven Bratman eingeführt wurde, bezeichnet den krankhaften Zwang sich übermäßig gesund ernähren zu müssen. Mangelernährung, Untergewicht und soziale Isolation können die Folgen sein. Waren die meisten Menschen in den letzten Jahrhunderten noch glücklich wenn sie überhaupt satt wurden, scheinen Essstörungen wie die Orthorexie in Zeiten von Low-Carb, Lactose-Unverträglichkeit und Paleo-Diet zusätzlich begünstigt zu werden. Trotz des übermäßigen Nahrungsangebots entscheiden sich schätzungsweise 1-2% der Menschheit dazu, den absoluten Großteil dieses Angebots vehement abzulehnen.

or3Photo @ Quest

Ob es sich bei dem Leiden tatsächlich um ein eigenes Krankheitsbild handelt, ist in der Forschung umstritten. Da mit der Orthorexie auch Symptome anderer Störungen einhergehen, existiert keine genaue Klassifizierung im DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders). In den 90er Jahren diagnostizierte Bratman Orthorexia Nervosa erstmals bei sich selbst. Damals lebte und arbeitete er in einer großen Kommune im Staat New York als Koch und Farmer. Wenn er das Abendessen kochte, musste er auf etliche verschiedene Wünsche und Diätpläne der „food idealists“ eingehen, die von der Kommune wie magisch angezogen wurden. Fleisch musste in einer getrennten Küche zubereitet werden, da viele der Vegetarier sich weigerten, Nahrung aus einer mit Fleisch „kontaminierten“ Küche zu sich zu nehmen. Hinduistisch geprägte Bewohner weigerten sich Zwiebeln zu essen, da diese sexuelle Begehren wecken könnten. Als Vertreter der alternativen Ernährungs-Medizin, färbten die Ideologien schnell auf ihn ab. Er berichtet, dass er ab einem gewissen Punkt nur noch ungekochtes Obst und Gemüse aß, welches höchstens 15 Minuten vor dem Verzehr geerntet worden war. Jeden Bissen kaute er mindestens 50-mal durch. Im Gegensatz zur Anorexia Nervosa (Magersucht), bei der es sich um eine quantitative Essstörung handelt, ist die Orthorexie qualitativer Natur. Das Ziel der Betroffenen ist es nicht abzunehmen, sondern sich gesund, rein und natürlich zu fühlen.

Eines der größten Probleme ist dabei, dass das angepeilte Reinlichkeits-Gefühl unter anderem mit einer moralischen Werteverschiebung einhergeht. In der Wahrnehmung der Betroffenen ist bestimmtes Essen „gut“, anderes wiederum „böse“. Dies erzeugt ein Überlegenheitsgefühl und einen Missionarseifer gegenüber Menschen, die sich weniger gesund ernähren. Verständnis oder Einsicht gibt es dabei eher selten, denn sich „gesund“ zu ernähren ist ja an sich nichts Falsches. Diese Mischung aus Argwohn, Belehrung und Uneinsichtigkeit kann schnell dazu führen, dass sich der Orthorektiker ins soziale Aus schießt. Ein Restaurantbesuch oder ein gemütlicher Kochabend unter Freunden wird zur absoluten Unmöglichkeit.

Dabei ist es anfänglich noch recht schwer, zwischen einer Orthorexie und einem ernährungs- bzw. trendbewußten Lebensstil eine klare Trennlinie zu ziehen. Bedenklich wird es in der Regel, wenn der Leidensaufwand der Person in keinem realen Verhältnis mehr zu ihrem Nutzen steht. Friederike Barthels von der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf legte vor kurzem in ihrer „Düsseldorfer Orthorexie-Skala“ Kriterien zur Diagnose vor. Dazu zählen unter anderem das ständige und übertriebene Kreisen der Gedanken um gesunde Ernährung, ausgeprägte Ängste vor vermeintlich „ungesunden“ Nahrungsmitteln, ein ritualisierter Umgang mit Lebensmitteln, der bei Nichteinhaltung zu starken Selbstzweifeln führt, sowie starkes Untergewicht und Mangelerscheinungen.

Die Forschung geht davon aus, dass Essstörungen wie die Orthorexie oder die Anorexie häufig als Kompensationsmittel für das Scheitern in einem anderen Lebensbereich dient. Ein herber oder traumatischer Rückschlag, zum Beispiel im Beruf oder in der Beziehung, kann zu einem übermäßigen Kontroll- oder Perfektionszwang auf einem anderen Gebiet führen. Da bietet sich die Ernährungsweise beinahe zwingendermaßen an. Was wäre leichter zu kontrollieren als der eigene Mageninhalt? Es gibt keine gesetzliche Vorschrift, die einen je davon abhalten könnte, genau das zu essen was man möchte. Was es jedoch sehr wohl gibt ist die mediale Berichterstattung, und die hat unser Verständnis von einer guten Ernährung über die letzten Jahrzehnte stark verändert. Galt es vor einigen Jahrzehnten noch als Zeichen des Wohlstands, wenn man sich mehrmals die Woche Fleisch auf dem Teller leisten konnte, wird der häufige Verzehr von Fleisch heutzutage als unethisch und ungesund gerügt. Dies ist teils den Exzessen der Lebensmittelindustrie geschuldet, teils jedoch auch einem modernen Bild des Menschen, das die Leistung und die Produktivität als gesellschaftlichen Status in den Vordergrund stellt.

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Photo @ ruminou

Die Gesundheit nimmt in diesem Bild einen prominenten Platz ein. Kein Café ohne Decaf-Soy-Latte, kein Grill ohne Halloumiburger. Vegane Buffets, Organic Wine, Rohkost-Diät: Nicht zufällig rückt die Orthorexie in den letzten Jahren immer weiter in den Fokus der Ernährungspsychologie. Noch bewegt sich die Zahl der Betroffenen in einem ähnlichen Bereich wie die Magersucht (ca. 2%), doch Experten vermuten, dass diese Zahl über die nächsten Jahre weiter steigen könnte. Wenn Essstörungen tatsächlich aus bereits bestehenden persönlichen Problemen hervorgehen, böte der aktuelle Umgang mit der Ernährung einen optimalen Nährboden für die Entwicklung einer Orthorexie. Im Zeitalter der Information ist es ein Leichtes, jedes erdenkliche Produkt auf Herstellung und Inhalt zu überprüfen und zu beurteilen. Ernährungstechnisch sind wir aufgeklärt wie nie. Für einige ist dieses Wissen eine beinahe unerträgliche Bürde.

Mittlerweile kursieren diverse Selbsttests, darunter ein von Bratman entworfener, mit denen man von Zuhause aus eine erste Einschätzung vornehmen kann. Denken Sie mehr als 3 Stunden am Tag über ihre Ernährung nach? Planen Sie ihre Mahlzeiten mehrere Tage im Voraus? Sind Sie in letzter Zeit strenger mit sich geworden? Dass ein Bedarf nach Online-Selbsttests besteht, wirkt, als ob die Orthorexie möglicherweise verbreiteter ist als man denkt, zumindest in ihren Grundzügen. Daher darf eines nicht vergessen werden: Ernährungstrends machen nur Sinn, wenn sie ihrem Namen auch gerecht werden und tatsächlich jemanden ernähren.

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